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29. August 2001

Der ganz normale Wahnsinn

Akt 1
"Ich habe es Dir schon tausendmal gesagt, dass ich das Scheisse finde! Aber Du, Du machst es immer wieder!"
"Das stimmt doch gar nicht!"
"Ha....Du lügst also auch noch! Hätte ich es mir doch denken können!"
"Was zickst Du eigentlich herum? Du benimmst Dich wie eine Schlampe! Ich habe gar nichts gemacht!"
"Ich eine Schlampe? Ey Mann, eines sag' ich Dir, pass auf Du Arsch, was Du sagst! Echt, pass auf! Noch so eine Beleidigung und ich prügle Dich grün und blau!"
"Spinnst Du? Was soll dieser Scheiss? Ein anderer Mann hätte Dir schon lange ein paar auf die Fresse gegeben! Halt endlich die Klappe, die hören alle mit!"
"Na und?! Ist mir doch egal, ob die mithören!"

Akt 2
Der ohrenbetäubende Rülpser übertönte den vorbeifahrenden Krankenwagen inklusive Martinshorn. Das sich ausbreitende Düftchen zeugte von einem deftigen Nachtessen am Abend davor, welches gerade dabei war, sich zu verdauen. Das penetrante Gehämmere gegen die Fensterscheibe und das nervöse Gezupfe an einer überlangen und überblondierten Locke links oberhalb des Ohrs deuteten auf einen äusserst geladenen Spinner hin, den nicht zu beachten ein Ding der Unmöglichkeit war, und ihn zu beachten weitere Katastrophen oder Klopfeinlagen erzeugen würde. "Verdammt noch mal! Verdammt noch mal! Verdammt noch mal! Alles Scheisse, alles richtige Scheisse! Ich hasse euch alle! Alle, habt ihr gehört?"

Akt 3
"Mambo.... Djambo.... uale.... uale... huma-ba.... huma-ba.... n'tanga.... n'tange.... ui.... e-lele... e-lele..... djambo...." Was lediglich Touristen beim Besuch des Stammes der Massai vergönnt war zu sehen, bescherte mir im fernen Schweizerland interessante 10 Minuten. Lediglich unterbrochen durch verzückte Jauchzer und plötzlich eintretendendes und wieder abrupt endendes, hysterisches Lachen, hallte Black-music durch Basels "grüne Minna". Ein Meter 90 wiegten sich in Trance zum Gesang des Stammesältesten, blutunterlaufene Augen stierten verschleiert zurück, wagte es jemand der Einsteigenden, verwundert das Schauspiel zu beobachten. "Hi-hi-hi...Djambo...."...der Gesang schwoll an, lärmend und beschwörend zugleich. Hätte jemand ein Räucherstäbchen angezündet, hätte ich meine Augen geschlossen gehabt, hätte ich mich wie Indiana Jones, belämmert und gefesselt, irgendwo im Busch verschleppt, gewähnt.

Akt 4
"UUUuuäääähhhhhhhhhhhhhh!!!!!!!!!!!!! Maaaaaaammiiiiiiiiiiii!!!!" "O.K. honey.. please stop! Mami is comming soon, come on honey.......Honey, Baby…please!!!!" Schweissgebadet versuchte Daddy sein Zuckertäubchen beruhigend zu wiegen und zu herzen und dabei das Gleichgewicht zu halten. Honey jedoch dachte nicht daran, sich mit ein paar Streicheleinheiten zu begnügen. Ohrenbetäubendes Gebrüll, Geschrei und eine Tränenflut sorgten dafür, dass Daddy kurz vor dem Herzinfarkt stand. Teils mitleidige, teils pikierte Blicke von silbrig gelockten Omas und jungen Müttern liessen ihn erschauern. War er ein Kindesentführer? Ein Sittenstrolch? Aller Ansicht nach ein lausiger Vater, der es nicht fertig brachte, Honey mit einem Schnuller den Lautsprecher zu stopfen. Honey schrie, kreischte und brüllte nach Mami. Daddy wurde unterdessen wegen eines abrupten Stoppers zurückgeschleudert, konnte gerade noch den selbständig gewordenen Buggy aufhalten und Honey wieder in den Sitz drücken. Bei jeder Station brüllten die Mitreisenden im Chor: "Nur noch wenige Stationen, dann kommt der Schützenmattpark!"

Keine Episode aus "Wir Kinder vom Bahnhofzoo", keine Szene aus "Das Schweigen der Lämmer", kein Trip wie in "Jumanji", keine Szene aus "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft - und ich hatte einen deftigen Grund dafür".

Nein, quer durch die Nummerierung der guten, alten Basler Trämmli, mitten am helllichten Tag oder in der frühen Morgenstund mit Gold im Mund, artete eine harmlose und man könnte meinen -langweilige - Tramfahrt zu einem Erlebnistrip aus.

Erbittert und lautstark wurde gestritten, gedroht, verflucht und geweint - lediglich unterbrochen durch einheitliche Klatscher an Jacken- oder sonstigen Taschen, ob "Free Styler" den eigenen Handyanruf signalisierte. Es wurde gefummelt und gezüngelt, gruppenweise Rechenaufgaben gelöst und über die gemeine Fieslingfreundin gelästert.

Was-guckst-Du kontra was-wotsch. Intimsphäre ade. Börsenkurse studieren, gemütlich Zeitung lesen oder dösend vor sich hin träumen waren ein Ding der Unmöglichkeit. Action und Daily-Soap-Opera fingen nicht erst abends mit Knopfdruck auf die Glotze an, sondern während der Tau noch an den Blüten klebte.

Jederzeit und überall werden wir gewollt oder ungewollt Zeugen des ganz normalen und alltäglichen Wahnsinns.

Jederzeit und überall stellen wir uns selber die Frage, ob wir eventuell den Spinnern angehören weil wir weder rülpsen, pupsen, noch die Sitze voll schmieren oder unseren Partner zur Schnecke machen.

Jederzeit und überall müssen wir uns eingestehen, dass uns wahrhaftig so leicht nichts mehr erschüttern kann.

Der ganz normale Wahnsinn - auf dem Nachbarsbänkli in einem grünen Basler Trämmli.

Helena Ugrenovic

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