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29. August 2001

Der General

"Omi sagt, Du schreibst hässlich und sie kann nie entziffern, was Du so in dein Heft schreibst."
"Omi sagt, Du bist zu dünn."
"Omi sagt, Deine Haare sind zu rot und diese olle Strähne vorne ist zu blond. Du siehst aus wie ein Fuchs."
"Omi sagt, diese Perlenkette als Vorhang sieht doof aus. Wie in einem Zigeunerhaus."
"Omi sagt, ich muss abends früher schlafen gehen und Du sollst nicht immer so lange telefonieren."
"Omi sagt, Du musst endlich Deine Kaffeemaschine entkalken, weil sie schon röchelt und bald explodiert."
"Omi sagt, Deine Shirts sind zu eng und Du siehst aus wie Brigitte Nielsen. Wer ist Brigitte Nielsen?"
"Omi sagt, Du sollst nicht mit den Schuhen durch die Wohnung laufen, unter uns wohnen schliesslich auch Leute."
"Omi sagt, Du sollst die Musik nicht so laut aufdrehen, Du weckst sogar Tote damit auf."
"Omi findet es blöd, dass du abends in diesem komischen Chor singst, Du verdienst dort kein Geld."
"Omi sagt, Du rauchst zu viel. Du musst auch an mich denken, oder? Soll ich etwa ein Waisenkind werden?"
"Omi sagt, Du musst mich heute endlich baden, ich stinke bestialisch und Du bist parfümiert!"
"Omi hat Dir eine neue Ablage für Dein Besteck gekauft. Das alte hat sie weggeworfen weil sie sie hässlich findet."
"Omi sagt, Du musst endlich den Boden vom Balkon waschen, bald wachsen dort Tiere, die noch keiner kennt."
"Omi sagt, Du hast Dich negativ verändert und bist richtig zickig."
"Omi sagt, Du musst Deine Pflanzen einmal die Woche giessen....die gehen alle noch ein und sie muss dauernd die abgefallenen Blätter wegwerfen."
"Omi sagt, Du sollst nicht so viel Geld ausgeben, Du hast genug Klamotten."
"Omi sagt, Deine Freundinnen sind alle bescheuert und sie mag sie nicht."
"Omi sagt, Dein alter Lippenstift war zu dunkel und der Neue ist zu hell."

Kaum zu glauben, dass ich es ohne fremde Hilfe schaffte, den Fussgängerstreifen zu überqueren.
Kaum zu glauben, dass ich just im futuristischen Jahr 2000 in's Christusjahr kam und meinen schnapszahligen 33-sten Geburtstag feiern sollte.
Kaum zu glauben, dass ich als alleinzerziehende Mutter voll berufstätig war, eine eigene Wohnung hatte und mein Einkommen selber verdiente.
Kaum zu glauben, dass mein Intelligenzquotient dem normalen Durchschnitt entsprach und nicht dem einer Amöbe.
Kaum zu glauben, dass ich schon geküsst worden war und ein Kind geboren hatte.

Omi war der alles umspannende und dirigierende General, Opi die graue Eminenz und Töchterchen die Petze. Doch mehrheitlich agierte sie in der multifunktionalen Rolle als Kriegssprecher, ausführender Offizier, Spitzel oder je nach Krisenherd als Überläufer.
Ich war der Soldat Schweijk. Oder das arme Schwein, welches sich für das Vaterland aufopferte und irgendwann als internationales Menue zerstückelt wurde.
Je nachdem, wie es den Kriegsparteien gerade gefiel, wurde ich in Haxen, Filet, Plätzchen oder Schwarte auf- und verteilt.
Während General, graue Eminenz und Petze brav und fein geschützt im Bunker hockten, robbte ich als lehmverkrusteter Soldat durch die Minenfelder, schlängelte mich durch niederregnenden Granathagel, watete durch Schlamm und Moor und wurde von Detonationen durch die Luft geschleudert.

Und stellte mir irgendwann einmal die Frage, ob ich nun ein armes Schwein - oder ganz einfach nur ein doofes Schwein war?

Helena Ugrenovic

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