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29. August 2001

Dreamboy sucht Superwoman

"Gestiefeltes Katerchen sucht Schmusekätzchen zum schnurren und kuscheln zwecks Aufbau eines Katzenrudels." "Spannungsgeladener Stecker sucht hochspannungsführende Steckdose zwecks Spannungsausgleich." "Einsamer Wolf sucht lustvolle Wölfin." "Rassige Löwin sucht temperamentvollen Spielgefährten." "Suche -gewisse- Sie für -gewisse- Stunden in -gewissem- Ambiente." "Freie weibliche Kapazität gesucht." "Reife Frucht zum Pflücken gesucht." "Toller Hengst in den besten Jahren und gut trainiert sucht feurige Stute für gemeinsamen Seitensprung - keine Hürde zu hoch - melde Dich für Reitspiele." "Bergziege gesucht zwecks Erklimmung höchster Lustgipfel." "Single sucht Single zwecks Entsingelung." "Schlumpfiger, verschlumpfsinnlichter Schlumpf mit schlumpfigem Haar sucht schlumpfige Schlumpfine". "Einsame Witwe, gelangweilte Hausfrau, neugierige Erste-Mal-wollende, experimentierfreudige und vernachlässigte Ehefrau - melde Dich! Devoter, temperamentvoller, sinnlicher, gesunder, sauberer und gepflegter Latino Lover erfüllt Deine geheimen Wünsche, erlöst Dich aus der Einsamkeit und schenkt Dir den ultimativen Kick!" "Meine zarten Hände wandern lustvoll Deinen Rücken entlang, streichen über Deinen Po......und wandern weiter! Willst Du das ganze umgekehrt? Melde Dich! Feuriger Liebhaber mit Niveau für gewisse Stunden wartet auf Dich!" "Zauberkünstler führt Dich in das Reich der Magie! Vergiss Dein Spielzeug nicht."

"Einigermassen normal tickende Sie mit einigermassen normalen Vorstellungen und der Meinung "open mind" zu sein, sucht verständnisvollen Psychiater zwecks Entrümpelung verkrampfter Lebenseinstellung und Entknotung sexuellen "Hinterherhinkens"."

Oder so.

Aufgewachsen im Zeitalter der Technologie, Moderne, nothing-is-impossible-Mentalität, Soap-Operas, Talkshows und einer Vielzahl von weiteren Verrücktheiten von denen unsere Grossmütter und Grossväter nicht mal den Hauch einer Ahnung über ihre Existenz hatten, sind wir eigentlich allerlei gewohnt und wenige Ereignisse haben den wirklichen Effekt eines Schockers. Eigentlich. Wären da nicht die klitzekleinen Anzeigen, über die zu urteilen und den oder die VerfasserIn akribisch zu analysieren einen weltweiten Psychologenkongress beschäftigen könnte.

Take it or leave it. Friss oder stirb. Nimm, oder es wird Dir genommen. Nach mir die Sintflut. Auf sie mit Gebrüll. Management-Kurse Ahoi, Ellenbogen ausgefahren und Verlangen auf den Punkt gebracht. Nirgendwo wird so konstruktiv, pingelig genau, wunschgerecht und ideenreich die Wortwahl gebraucht, wie in der Selbstdarstellung "zwecks Partnerfindung". Waren es früher Adjektive wie "einfühlsam, treu, zuverlässig, liebevoll, sozial gesichert, Schmusekater und Bärchen", die kurzum den Traumpartner beschrieben, lösen es heute Tiger, Schlümpfe, Devoten, Bergziegen, Stecker und Dose, Hengst und Stute, Reich der Sinne und Leidenschaft pur, ab. Jeder Buchstabe ein Versprechen, jedes Wort dem nächsten Höhepunkt ein Stück näher. Denn der Zweck heiligt bekanntlich die Mittel.

Könnte man meinen, sei die Welt ein einziges Babylon, Sodom und Gomorrha, schwelge alles in verzückter Ekstase und bestehe jeder Körper aus einer noch grösseren Stromportion und Verkabelung wie es nur in einem Serverraum der Fall sein kann und der, wenn nicht bald richtig eingebuchtet, nächstens vor dem grossen Urknall steht.

Wären da nicht kleine Ungereimtheiten, entstanden aus vielerlei Reportagen und Befragungen genau jener Hengste, Stecker, Latino Lovers, feuriger Stuten und der traurigen Tatsache, dass genau mit der "Bring-es-auf-den-Punkt-Babe-und-das-bitte-zack-zack"- Mentalität, mehr Frust statt Lust in hiesigen Schlafzimmern herrscht. Suggeriert durch Medien, Stars und Sternchen, Werbung und Freixenet-Effekt, muss Mann immer können, Frau phantasievoll und nimmersatt sein, und beide in einem Rausch der Sinne und im "bin-dabei-fast-ohnmächtig-geworden"-Taumel glauben, auf dem Schweif eines Kometen durch's Universum zu jagen.

Im Schutz der Nummer und eines Phantasienamens leben wir sie aus, unsere verborgenen Gelüste, drücken wir sie aus, unsere unerfüllten Wünsche, sprechen wir sie aus, unsere sonst archivierten Worte, spielen wir so hemmungslos eine Rolle auf der Tribüne des Liebeslebens in der Hoffnung, kein Zuschauer möge unser Spiel durchschauen. Der lustige Clown, der im Grunde seines Herzens ein armes und trauriges Kind ist.

Doch im Zeitalter der Stuten und Dosen, der Rammler und ich-kann-pausenlos-und-alles-andere-ist-leere-pumpe-pur, geht er verloren, der Reiz der Liebe, schwindet sie dahin, die Leidenschaft, ist das Geheimnisvolle verblasst, erhält alles etwas Künstliches und Verwerfliches, wird unglaubwürdig und destruktiv. Setzt man sich unter Druck, schraubt das Level zu hoch, fällt man in die illusorische Grube, ein Versager oder eine Frigide zu sein, verliert man den Glauben ans Echte weil doch alles so hip, mega und geil ist - man selber jedoch nicht- und legt dies in einer der vielen Schubladen des Unterbewusstseins ab.

Und irgendwann, wenn wir unseren Partner mit Kerzenwachs zupflastern, die berühmte Chinesische Perlenkette hervorzaubern, sonstige Mittelchen "zwecks" erfülltem Liebesleben - oder von dem wir glauben es werde damit erfüllt - unter dem Bett hervorkramen und den mittlerweilen fast kollabierten Partner zur sechsten Runde auffordern, überrollt sie uns. Die Einsicht. Überkommt er uns. Der Aha-Effekt. Checken wir, dass wir einer Illusion aufgesessen sind.

Realisieren wir, dass die meisten der Tiger und Krallen, sehnsüchtige Theoretiker und Blender ohne jeglichen Hang zur "Ausführung" oder gar Einhaltung ihrer Versprechen und grossen Worte sind.

Kapieren wir, dass wir ganz einfach normal ticken.

Helena Ugrenovic

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