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29. August 2001

Ein Topf mit Gold

Szene 1
"Mein Vater hat mit der Hälfte Deines Einkommens eine fünfköpfige Familie ernährt."

Während "sein" Vater diese heroische und mittlerweilen historische Tat vollbracht und lauter bescheidene, zufriedene und kostenbewusste Menschen herangezogen hatte, kostete damals der Liter Milch 50 Rappen und das Kilo Brot gerade mal 1 Franken. Rechnete man das in Tragetaschen, bezahlte man anno domini knappe 50 Franken für eine prallgefüllte Tragetüte. Stand ich jedoch in der heutigen Zeit in der Warteschlange eines zähnefletschenden Kassenfräuleins und stapelte ein paar mickrige Kleinigkeiten auf meinen Armen, blechte ich locker und ohne Gnaden den gleichen Betrag. Nicht zu vergessen, dass die volle Tragetasche Proviant für eine ganze Woche bot während meine Kleinigkeiten am selben Tag weggefuttert wurden.

Mein Plädoyer über Teuerung, gewandelte Bedürfnisse und Wünsche von Klein und Gross in der heutigen Zeit sowie horrendem Steuersatz, wurde mit einem süffisanten Lächeln und dem Schlusssatz: "Im Vergleich zu einer Verkäuferin geht es Dir doch gerade zu prächtig, oder etwa nicht?" weggepustet. In der Tat, ganz falsch war diese These nicht. Doch ohne an dieser Stelle eine Berufsgattung zu degradieren, gab es auch in diesem Beispiel die eine oder andere Ungereimtheit. Angefangen bei der Ausbildungsdauer, dem Wissensstoff, dem Anspruch der Arbeit, kostspieliger und wiederkehrender Weiterbildungen, dem Leistungssoll bis hin zur auszuführenden Arbeit. Ich hätte wissen müssen, das es sich bei Diskussionen über Geld und Lohnerhöhungen mit dem Finanzpapst eines Unternehmens um eine äusserst delikate und pickelharte Angelegenheit handelte. Den Versuch war es trotzdem wert.

Szene 2
"Du bist doch so gut im Schreiben und strömst völlig über vor lauter Ideen und so. Dieser Brief ist so kompliziert und Du weißt doch auch, dass ich so was niemals auf die Reihe kriege! Kannst Du mir nicht dabei helfen? Du bist ein Schatz!" "Ich brauche eine neues Design für meinen Sportverein....kannst Du mir aushelfen und eines anfertigen? Du sprühst förmlich vor Kreativität und wenn denen Dein Design gefällt, sehe ich zu, dass wir Dich dafür entlöhnen können. Schon mal ein Bussi im voraus!" Die den-Brief-nicht-hinkriegende-und-Kollegin-No-1 war gerade dabei, sich ihr Loft einzurichten, kletterte die Karriereleiter unaufhörlich höher und höher und fuhr in einer silbernen C-Klasse spazieren - neben sich den graumelierten Geldautomaten. Der mich-um-meine-Kreativität-Anpumpende-und-Kollege-No-2 war Teamleiter in einer Vermögensverwaltung, hatte sich gerade den neuen Porsche Boxter gekauft und war mit seiner Endlos-Gespusi gerade mal eben von einem Karibik-Trip zurückgekehrt. Die alles-ausführende-helfende-Hand-Ideen-und-Briefe-Ausspuckende war ich. Weder Leiterin noch Angehende, nicht in Tobago sondern jeden 20-sten des Monats auf der Matte der Buchhaltungsabteilung stehend, mit einem Lächeln bis zu den Ohren hin die berühmte Frage stellend, wann denn der Lohn auf dem Konto verbucht sein würde.

Irgend etwas lief hier gewaltig schief. Kim Wilde hätte dazu wohl ihre Theorie "Der Erfolg des Einen ist der Misserfolg des anderen und umgekehrt", aufgestellt. Die Frage stellte sich nur, wer von uns Dreien erfolgreich war.

Eigentlich wusste ich die Antwort. Doch mich länger damit auseinander zu setzen würde der Auslöser dafür sein, meine Kaffeemaschine in einem Anflug grenzenloser Wut an die Wand zu schmettern.

Szene 3
"Schliesslich isst Deine Tochter jeden Tag bei uns, und der Appetit dieses Kindes entspricht ungefähr dem eines Gladiators! Wir sind schliesslich auch keine Rockefellers!"
General (Oma) und graue Eminenz (Opa) bildeten gerade mal wieder eine Koalition um dem Entwicklungsland (mir) zu verklickern, mehr Geld für besagte meine Tochter, oder ihr Enkelkind welches sie tagsüber betreuten, abzuliefern.
"Ach ja, übrigens fliegen wir im Herbst wieder für zwei Wochen nach Rhodos. Bei TUI profitierst Du ja vom Kinderfestpreis. Da Du ja sowieso hier bleibst kannst Du Dich um unsere Pflanzen kümmern."
Rhodos hiess 5-Sterne-Luxusschuppen, Salzwasserpool und Touristenpreise. Ganz zu schweigen von den Schutzfaktoren, neuen Bikinis, Sommerklamotten und erste Hilfe Kasten, welche auf jedem Einkaufszettel an oberster Stelle stehen würden. Nicht zu vergessen das Essensgeld für ein 10-jähriges Mädchen, in deren Bauch mehr Eiscreme pro Tag Platz hatte, als der Softeisautomat Kringel formte. Aber da ich ja sowieso zu Hause blieb, hatte ich genug Zeit, um Geld zu verdienen und die Aufsichtsbehörde meines Töchterchens zu finanzieren.

Ich sah ihn vor mir, den farbenprächtigen, glitzernden, geheimnisvollen Regenbogen und fragte mich, ob an seinem Ende wirklich ein Topf mit Gold zu finden war. Irgendwann würde ich mich auf die Suche danach begeben.

Doch bis dahin musste ich mir die CD eines Container-Blondies aus dem Zimmer meines Töchterchens mopsen, diese unaufhörlich abspielen und den Text des einen Liedes auswendig lernen. Es musste wirklich geil sein, ein Arschloch zu sein.

Helena Ugrenovic

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