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29. August 2001

Green Grass

"Grass is always more green in the neighbour's garden than in your's, isn't it?" Tja, wo er Recht hatte, hatte er Recht.

Es war einer dieser regnerischen und nebelverhangenen Tage an denen schon allein der Blick in den Spiegel für einen Aufschrei sorgte. Geschweige denn, einen davon nach draussen zu riskieren. Die Augenfalten hatten sich über Nacht um ein Vielfaches vermehrt, die Haare liessen sich nicht bändigen und keine der Hosen passte. Irgendwie zwickte irgendwo irgend etwas. Am meisten jedoch waren es die Gedanken, die unkontrolliert in meinem Kopf herumjagten und den morgendlichen Ablauf empfindlich störten.

Die Idee, meine Laune mit einem Musiksender aus der Fernsehkiste ein bisschen zu toppen, erwies sich als Flop, zumal ultra-junge Girls mit durchtrainiertem, flachem Bauch und wunderschönen Tops glücklich lächelnd an einem Sandstrand ihre Hüften schwenkten und einen Ohrwurm trällerten. Hm....und ich? Was war mit mir? Mein Leben empfand ich als öd, langweilig, plätschernd wie ein kleines Vorstadt-Bächlein. No Action, wenig Fun und alles war vorhersehbar. Wo blieb der Kick, der Esprit, die Leidenschaft, das Verrückte? Der Hai im Becken? Waren das die Aussichten für die nächsten 50 Jahre? Was sollte ich meinen Enkelkindern eines Tages erzählen? Ich habe gearbeitet und hockte Abends zu Hause damit Eure Mami vor lauter Digimons und Yam-Heftchen eines Tages nicht in die Klitsche Leggins-tragende-nur-Hausfrau rutschte? Es war zum Heulen und dementsprechend gefrustet und von mir selber bemitleidet machte ich mich auf den Weg zur Arbeit.

Zu spät dran weil ich zu viel nachgegrübelt hatte, verpasste ich fast den Zug, japste anschliessend die nächsten drei Stationen nach Sauerstoff weil mein durchrauchter Kreislauf drohte zu kollabieren und stand schweissnass am Zielbahnhof. Was jetzt? Wohin nun? Also setzte ich mich in eines der Cafes, trank einen Saft und grübelte weiter. Warum waren meine Eltern ausgerechnet in dieses Breitengrad gezogen? Es regnete, es war kalt, der Himmel grau und der Winter elend lang. Die Menschen alle distanziert und was zählte waren Status, Einkommen und in welchem Club man welches Member war. Frust Ahoi - if i could fly.....tja...was wäre dann? Missmutig schlenderte ich zur Strassenbahn und rannte auch diese letzten Meter, quetschte mich durch die Türe und ergatterte einen Zentimeter eines Haltegriffes. Die Bahn war voll und - wie es mir schien - alle Menschen ausser mir überglücklich. War ja auch kein Wunder. Die Uhren- und Schmuckmesse hatte in Basel ihre Pforten geöffnet und es glitzerte und funkelte von jeder Plakatwand. Schöne Stücke, edle Stücke, teure Stücke, reiche Träger. Die Welt war eben doch ungerecht. Oder definieren wir es genauer - die Aufteilung des Hab und Guts erschien mir ungerecht. Links zu viel - Rechts zu wenig. Hier zu nass - dort wiederum zu trocken.

"Sorry, do you speak english?" Ein Meter neunzig in schwarzem Anzug und weissem Hemd blickten auf mich herunter, tippten auf eine Einladung von "Hermes" und fragten mich nach dem Weg zum Messeplatz. Und ob ich speakte! Of course wusste ich wo das war und wo man aussteigen musste. Fuhr ich doch in dieselbe Richtung und wurde wie von Geisterhand eine Sitzbank frei. Das Lächeln zauberte sich von alleine auf mein Gesicht und ich versuchte meine in einem Funkenregen zu zerplatzen drohende Aura ein bisschen zu dämpfen. Da war sie nun. Die Ausnahme des Alltags, das Neue, das Andere und die Stimmung hebende Situation. Der schwarze Anzug kam aus New York, wohnhaft in Manhatten und Fashion Editor bei einem Männermagazin. Ich war süchtig nach New York. Zu meinem 30-sten Geburtstag hatte ich mich mit einem 5-Tages-Ausflug in die Stadt meiner Träume beschenkt, logierte im Waldorf Astoria, dinierte im Plaza Trump Hotel und kaufte halb Chinatown leer. Ich bewunderte die Offenheit der Amerikaner, ihre Verrücktheiten, ihren Way of Life und ihre Kommunikationsfreude gegenüber Fremden. Der schwarze Anzug hingegen mochte die Schweiz weil so klein, so schnuckelig, so übersichtlich und die Leute soooo nett.

Ich hatte beschlossen, mir an diesem Morgen auch eine kleine Verrücktheit zu gönnen und den schwarzen Anzug bis zu seinem Treffpunkt zu begleiten, was er wiederum mit einem entzückten "Oh, it's not possible! That's great!", honorierte.
"Es ist immer interessant zu hören, was Touristen über unser Land sagen. Wir hingegen können nicht verstehen, dass ein New Yorker unsere paar Quadratzentimeter so überaus berauschend und toll findet. Es ist zu eng, zu klein und zu wenig los." Lächelnd ruhte der Blick des schwarzen Anzugs auf meinem Gesicht:" Das Gras in Nachbars Garten scheint immer grüner zu sein als das im eigenen Garten, oder?" Weise war er auch noch.

Doch es war überaus aufregend, auch mal in Nachbars Garten zu wildern und den Duft von fremden Blumen zu geniessen, ungeachtet der Tatsache, dass sie den gleichen Farbton hatten wie die aus dem eigenen Garten.

"Ruf' mich an, wenn Du das nächste mal in New York bist." Bussi-Bussi und verschwunden war er in der Gruppe anderer Juwelenträger und Kostüme. Lächelnd steckte ich die Visitenkarte in meine Brieftasche und schwebte zur Strassenbahn. Der Tag war schön, die Wolken waren verzogen und die Zukunft vielversprechend. Es war mir egal, ob es sich um eine Floskel handelte und der schwarze Anzug die berühmte Eintagsfliege war. Sie hatte meinen Tag gerettet und ein Satz war förmlich hängen geblieben.

Es war sicher nicht verkehrt, sich über das Leben Gedanken zu machen, immer wieder neue Ziele zu stecken und zu verändern. Doch es war Illusion zu denken, dass nur das andere Gras schön und reizvoll ist. Gras bleibt Gras, grün bleibt grün. Manchmal ein bisschen wilder, ab und zu ein bisschen dichter, manchmal ein bisschen englischer geschnitten, manchmal ein bisschen heller, manchmal ein bisschen gelblicher. Doch in der Konstitution war es ganz einfach nur Gras, ein kleiner Halm, umzingelt von Millionen gleicher Artgenossen.

So wie die Bühne des Lebens. Aus Brettern gemacht, mit Scheinwerfern beleuchtet und von Schauspielern erobert. Tja......auf die Rollenverteilung kam es an.

Helena Ugrenovic

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