Diese Sektion ist in Planung Diese Sektion ist in Planung

19. Dezember 2001

 "Jedes Jahr zur gleichen Zeit..."

...beschäftigte ein Thema die jüngeren der Schulkinder insbesondere. Die alljährliche Weihnachtsaufführung. Doch nicht nur sie platzten fast vor Aufregung und Nervosität und versanken in ein Lampenfieber-Dellirium, nein, wir abgebrühten Eltern auch.

"Was ist, wenn ich husten muss beim Vorsingen? Was ist, wenn ich stolpere, auf den anderen Engel falle, diesen umwerfe und wir die Kulisse mitreissen? Oh Gott, ich schäme mich im Fall mega-mässig! Ich würde nie mehr in die Schule gehen! Was ist, wenn sie mich alle doof finden und auslachen? Oh Gott, ich würde sterben! Was ist, wenn ich den Text plötzlich vergessen habe? Was ist, wenn zu viel Spucke in die Flöte pflutscht und der Ton quietscht? Und was ist, wenn das Kleid reisst oder der Flügel bricht?" Waren nur einige der wenigen was-wäre-wenn-Weltuntergangs-Hypothesen.

"Sorry, Ma'm! Ich muss üben, checksch?" Ich checkte. Das rechte Ohr versuchte verzweifelt, einige Sätze aus der lange herbeigesehnten Fernsehkomödie aufzuschnappen während das Linke gezwungen war, dem lieblichen Weihnachts-Rata-Ta-Tam eines Engels zu lauschen. Die Kanäle dazwischen versuchten derweil, alles zu ordnen und das Gefühl von aufkeimender Schizophrenie zu unterdrücken. Alles war O.K., der Engel probte seinen Auftritt, aus den Fernsehboxen war der Streit zweier Liebender zu hören, ich war Herr meiner Sinne und lediglich eine von ca. 20 Mamis, denen es genau gleich ging wie mir.

Nachdem die Flügel geklebt, die Kleider genäht, die Bärte gemalt und die Kulisse gebastelt waren, war es soweit. Eltern, Omas, Opas, Tanten und Onkels, Brothers und Sisters, alles wartete gespannt im hübsch dekorierten Schulzimmer auf die Stars von morgen.

Ausgerüstet wie Profi-Fotografen rutschten wir Eltern aufgeregt auf den Stühlen herum, zwinkerten aufmunternd den Engeln und Hirten zu, reckten den Daumen siegessicher in die Höhe und schluckten den Kloss im Hals herunter.

Jedes Jahr um die gleiche Zeit beobachteten wir Miss-Sixty-Trägerinnen und Juventus-Turin-Anhänger, die konzentriert und ernsthaft ihr Stück aufführten und ihre Talente unter Beweis stellten. Vergessen die Quereleien aus der Vergangenheit, vergessen die kleinen, boshaften Zickelein unter vorpubertierenden Teenies. Jedes Jahr um die gleiche Zeit ging uns Eltern das Herz auf, wenn unsere coolen und Streber-hassenden Manga-Kids Weihnachtslieder in verschiedenen Sprachen sangen und soviel Freude und Engagement für ein Fest zeigten, dessen einzigen Vorteil sie darin sahen, mit haufenweise Geschenken überladen zu werden.

Jedes Jahr um die gleiche Zeit hofften wir, dass kein Kostüm riss, kein Flügel brach, kein Saum sich irgendwo verhedderte, das Jesus Kind nicht aus der Krippe fiel oder der Trompeter vor lauter Luft holen zusammenbrach.

Jedes Jahr um die gleiche Zeit fieberten wir mit unserem Nachwuchs mit, freuten uns und litten mit ihnen.

Doch nicht nur ein mal im Jahr um die gleiche Zeit freuen und leiden wir mit unseren Sprösslingen mit. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden lang sitzen unsere Gefühle in einem um-sich-selber-drehenden Wägelchen einer super-coolen Achterbahn und es bleibt nur zu hoffen, dass nicht all zu viele Loopings darin vorhanden sind.

Helena Ugrenovic

Zurück

Top   Druckversion   Seite als Hotlink speichern

Damit Sie diese Box minimieren können, müssen Sie zuerst ein Profil anlegen.


Meine Bewertung