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13. Dezember 2001

 "Der Mann im Mond"

Seit dem Urknall oder besser gesagt, seit Eva mit ihren Reizen dem naiven Adam den Apfel aufgeschwatzt hatte, drehten sich die meisten und hitzigsten der Diskussionen um Männer und Frauen, Liebesglück und Liebesleid. Das Ganze gespickt mit Tausenden von Warum-, Wieso-, und Weshalb-Fragen, auf die auch heute noch, einige Umdrehungen weiter, keine Menschenseele eine auch nur annähernd befriedigende Antwort gefunden hätte. Geschweige denn, eine Lösung.

Die Verkaufsregale quollen über vor lauter vernunftgesteuerten und sprachlosen Marsianern, emotionsgeladenen Venus-Göttinen, Lola-Prinzipien und Selbsttherapierungs-Psychokursen, die, angefangen vom Kult-Psychiater-Couch-System bis hin zum Sternzeichen-Kamasutra mit erotisierendem Sellerie-Parfait, alle nur erdenklichen Techniken und Tricks aufzeigten, wie eine einigermassen normale Beziehung annähernd glücklich geführt werden könnte. Doch augenscheinlich mutierten wir modernisierten Medienkinder zu lese-untauglichen Fernsehguckern oder beim kleinen Ein-Mal-Eins des Liebesglücks handelte es sich im Grunde genommen um eine Gleichung mit nicht nur zwei, sondern Abermillionen von Unbekannten, die nicht mal der gute alte Albert hätte lösen können. Wahrscheinlich letzteres.

"Ist doch ganz einfach! Wo liegt das Problem? Es ist doch vollkommen logisch! Frauen sind selbstsüchtig, geldgierig und wollen hauptsächlich einen gut verdienenden Ehemann oder Partner. Am Wichtigsten ist ihnen sein sozialer Status, damit ihre Wünsche erfüllt werden können. Ja, warum denn sonst, meinst Du, arbeiten wir? Wir werden dazu gezwungen, ja, das ist so! Wir müssen arbeiten, wir buckeln uns den Rücken krumm, schieben eine Überstunde nach der anderen, um Ehefrau und Kinder zu verpflegen und es ihnen gut gehen zu lassen, kein Schwein fragt uns, wie wir uns fühlen...nein, im Gegenteil.....es wird noch gemeckert, warum wir schon wieder so lange arbeiten mussten! Wer weiss, was für kranke Kombinationen sich noch in so einem Moment in einem Frauenkopf abspielen! Verstehe einer die Frauen! Ja, und zum Dank dafür überleben sie uns, nachdem sie uns ausgesaugt, unser Geld verpulvert und uns den letzten Nerv getötet haben! Ist das etwa Gerechtigkeit?" Aha. Das Plädoyer über die Misere des Mannes und die Verschlagenheit der Frau, stammte -natürlich- von einem Mann. Nicht etwa einem erfahrenen, gewieften und vom Schicksal gebeutelten Mit-Dreissiger- oder -Vierziger, der mindesten fünf lausige Beziehungen auf seinem Konto hätte verbuchen können. Nein, es stammte von einem überaus jungen Mann in den Twenties, der so ziemlich am Anfang seiner Karriere zum ausgesaugten Ehemann und Vater stand. Einem überaus attraktiven jungen Mann, dessen charmant als Waffe eingesetzte und überaus einnehmende Art ihn davor bewahrte, jeden Tag mindestens eine Kratzspur, von frisch gefeilten Fingernägeln, im Gesicht mit Salbe heilen zu müssen. Wobei ich zugegebenermassen die erste gewesen wäre, die sich als liebevoll hegende und pflegende Krankenschwester anerboten hätte.

"Wir sind die Familienoberhäupter, das ist so bei den Tieren - schau Dir nur mal die Löwenfamilien an, das war so bei den Höhlenmenschen. Warum war zu Beginn der menschlichen Evolution der Mann von Anfang an der Jäger und Familienernährer, während sich die Frau um die Kinder und das Feuer gekümmert hat? Logische Verteilung der Rollen, schon seit Urzeiten klar geregelt. Aber nein, heute schreien Frauen nach Emanzipation und Gleichberechtigung! Dabei können sie überhaupt nicht damit umgehen. Stell Dir nur mal eine politische Lobby mit nur Frauen als Funktionärinnen darin vor! Der Globus würde untergehen! Nur schon eine Frau alleine verursacht haufenweise Probleme, geschweige denn, sie arbeitet mit noch mehr von ihrer Sorte zusammen! Bäh! Und Frauen wollen überhaupt keine Ja-Sager, Frauen wollen einen richtigen Mann, der auch mal auf den Tisch haut und ihnen sagt, wer der Boss ist! Und weißt Du, was das Genialste wäre? Eine Dreier-Beziehung, jawoll! Stell Dir nur mal vor, eine Frau müsste nur 50% der Arbeiten erledigen, nicht das volle Programm mit Kochen, Waschen, Putzen, Bügeln, Einkaufen und dann noch jeden Abend Sex weil wir Männer so mega potent sind, so voller Energie und immerzu können. Nein, da wäre noch eine zweite, nette, hübsche, sympathische Frau und sie hätte sogar eine Freundin! Ja, genau! Frauen meckern doch immer, dass andere Frauen sie nicht mögen würden, neidisch wären und dass sie lieber Männer als Kumpels hätten. Das sagt ja schon alles aus! Job-Sharing - ist gang und gäbe und die eine Frau nimmt der anderen Frau die Hälfte der Arbeit ab!"

In solchen Momenten lacht eine Venus-Göttin laut los und schielt zum Fenster hinaus. "Ja, das ist genau so, wie ich es sage! Ich bin schliesslich ein Mann. Guck Du nur...würde ich auf dem Autodach hocken, würden sich alle Fenster aus den herumliegenden Häusern sperrangelweit öffnen, die Menschen würden mir Blumen und Geld zuwerfen, mich beklatschen, mich feiern, Jubelschreie und Hurra-Rufe brüllen und mich zu ihrem Propheten küren! Weil ich ihnen aus dem Herzen und der Seele spreche."

Dem Schicksal sei Dank, sassen wir mitten in der Nacht bei Minuskälte in einem Auto. Schallgedämpft und abgeschottet von der Aussenwelt, die sich sicher schon in der einen oder anderen Rem-Phase befand. Ich war in Sicherheit, denn 1. würden spitze Wurfgeschosse auch mich nicht verfehlen und 2. ahnte meine junge attraktive Begleitung nicht, dass ausser vor Freude hüpfenden Männern, die den neuen Messias verzückt anbeten würden, noch zahlreiche Frauen die Wohnungen bevölkerten. Frauen, die sich seit über 30 Jahren die gleiche Litanei über Rollenverteilungen anhören mussten, mittlerweilen jedoch gecheckt hatten, dass es sich grösstenteils um hohles Gerede handelte, die Männerwelt keine Socken-stopfenden-Herd-Huschis wollte, sondern Frauen, die auch mal auf den Tisch klopften und die ihren Töchtern seit exakt 34 Jahren predigten, auf Feuerstellen zu pfeiffen, einen Beruf auszuüben und sich ja nicht einschränken und unterbuttern zu lassen. Diese Frauen hätten den postmodernen Messias wahrscheinlich gesteinigt. Vorerst jedoch vernascht. Denn so dumm, einen Leckerbissen zu verschmähen, waren Frauen nun auch wieder nicht, Moral hin oder her.

Es war natürlich ein Leichtes, in einem Auto und nur gegenüber einer Venus-Göttin, einer ruhig abwartenden und erfahrenen Venus-Göttin, solche Theorien aufzustellen. Die Frage stellte sich nur, ob der junge Hengst diese These auch inmitten einer Frauenrunde so selbstbewusst herausposaunt hätte.

6 Stunden später, während meinem morgendlichen Schminkritual, liess mich diese nächtliche Theorie-Sitzung immer noch nicht los. War doch ein Funken Wahrheit darin enthalten? Driftete die Frauenwelt in ein Extrem ab? Hatte sie den Boden der Realität unter ihren Stiletto-besohlten Füssen verloren und war heimlich in die Rolle des Mannes geschlüpft, die ihrem weiblichen Wesen so gar nicht entsprach? Hatten Frauen zu wenig Zeit für ihre Männer oder flössten Frauen mit ihrer neuen "Du-kriegst-mich-nicht-unter-und-Dir-zeig-ichs-Manie" den Männern Angst ein, weil diese den Anschluss an die Entwicklung der Frauenwelt aus was für Gründen auch immer verpasst hatten und nun sprach- und hilflos vor einem Problem standen? Dachten Männer, während dem Sex mit einer Frau einen doppelten Rittberger oder dreifachen Salto absolvieren zu müssen, weil sie glaubten, die Frau verlange das? Glaubten Frauen, sie müssten in die Jäger-Rolle schlüpfen um lasziv und offen - eines der Lieblingsworte der heutigen Balztiger -, die ganze "Nimm-mich-schlag-mich-gib's-mir-Palette" laut herausschreien zu müssen weil sie der Annahme waren, Männer wollten mal so richtig verführt werden, weil die Medien uns genau diese Bilder vorgaukelten? Irgendwie waren wir Frauen nicht ganz so unschuldig an diesem ganzen Chaos der Hormone und Rollenverteilungen.

Nochmals 6 Stunden später wartete ich in einem Restaurant ungeduldig auf Dolores. Ein Poltern, ein umgekippter Stuhl, ein unflätiger "Che-palle-Fluch" und eine, nicht nur von der Kälte, hochrote Dolores baute sich vor mir auf. "Er ist ein Schwein!" Das Schwein hiess Alfredo und war Dolores 4-jährige Jo-Jo-Beziehung. Viele ups, noch mehr downs und die Machtlosigkeit, etwas an der Situation ändern zu wollen, weil Alfredo im Grunde genommen lieb und nicht sooooo übel war und sich ja eh nicht vom Rest seiner Gattung unterschied, da alle Männer gleich waren. Laut Dolores.

"Stell Dir mal diese Frechheit vor! So blöde kann wirklich nur ein Mann sein! Dauernd hat er gemeckert, dass ich nie Zeit für ihn hätte, da ich zuviel arbeite für jemanden, der mich ausnutzt und zu wenig bezahlt. Also habe ich gekündigt und hocke tagein tagaus zu Hause herum, um ihn und die Kinder zu bekochen, zu versorgen, ihre Wäsche zu waschen, Hausaufgaben zu kontrollieren, mir jeden Abend seinen Tagesablauf anzuhören, welcher Arbeitskollege ein Arsch und welcher der heilige Johannes ist. Und was macht er? Ha! Am Samstag im Ausgang hat er mir Monika vorgestellt. Seine Personalfrau. Klug, sympathisch, ausgeglichen, immer freundlich, belesen, dauernd in irgendwelchen Weiterbildungskursen anzutreffen und sehr produktiv. Nicht so wie ich. Im Gegensatz zu mir, denn ich produziere nicht, ich verplempere meine Zeit und seine und bin nur eine Kostenstelle, die er immer füllen muss, die jedoch nichts einbringt. Ausserdem meckert sie nie, hört sich seine Sorgen und Nöte an und versteht ihn voll und ganz. Nicht so wie ich. Und das Beste kommt noch," Dolores kippte ihren Mittags-Margarita ex und hopp, "nachdem er mit staunenden Augen an ihren Lippen gehangen ist und sich bei jeder ihrer platten und langweiligen Bemerkungen vor Lachen geschüttelt hat, hat er seine Personal-Monika um die Hüfte gefasst, sie auf die Tanzfläche geschleppt und ist wie ein Gummiball um sie herumgetanzt! Lambada, schrie er zu mir und meinte, davon würde ich nichts verstehen, da ich ja immer zu Hause sei! Monika hätte das während einer ihrer Geschäftsreisen gelernt! Geschäftsreise, dass ich nicht lache! Pah! So ein hinterlistiger Feigling! Das sind also seine Überstunden und schwerwiegenden Probleme! Schwerwiegend, ja, das trifft eher zu! Du hättest ihren Hintern sehen sollen! Die Cellulite-Hügel waren sogar durch den Hosenstoff bemerkbar! Aber nein, Monika ist toll und ich soll endlich mal in ein Fitness-Studio, seiner Meinung nach!"

Eigentlich hätten wir Eintritt von den anderen Gästen für diese Vorstellung verlangen sollen, da im Restaurant ausser Dolores Schluchzern Totenstille herrschte und alle Köpfe in unsere Richtung gewandt waren. Während die männlichen Gäste verlegen die Fleischbällchen von der linken in die rechte Backe verlagerten, hämmerte der weibliche Teil mit den Fingernägeln auf die Tischplatte, nickte wohlwollend in unsere Richtung und warf hie und da ihrem männlichen Begleiter einen vernichtenden Blick zu.

Ich stellte fest, dass ich der einzige Single in dieser überaus konzentrierten Runde sein musste. "Sei froh, bist Du ein Single und hast diese Probleme nicht!", schniefte Dolores.

Tja, in der Tat, ich hatte diese Probleme nicht, musste mich weder über Machogehabe noch Eifersuchtsdramen ärgern oder war versucht, einer produktiven Monika in den Hintern zu treten oder einem Schwein die Augen auszukratzen.

Doch irgendwie flösste es mir auch Angst ein. Gab es ihn? Oder gab es ihn nicht? Den normalen Mann? Und wenn ja, wo war er? Auf einem Werbeplakat stand in fetten schwarzen Lettern der Slogan "Outen Sie sich als Mann", also handelte es sich nicht um ein neues sondern um ein altbekanntes Problem. Oder aber es gab mehr als nur einen Mann im Mond. Denn immer mehr überwog die Überzeugung in mir, dass der richtige, tolle, attraktive, geniale, liebevolle und doch leidenschaftliche, humorvolle, zärtliche, und verantwortungsbewusste Edeltropfen nur in unserer Fantasie oder weit weg in einem noch nicht entdeckten Solar-System anzutreffen war.

Trübe Aussichten, stellte ich weiter fest und rechnete in Gedanken aus, dass, würde ich eine Lebensdauer von 86 Jahren haben, meine weiteren 52 Jahre dafür draufgingen, entweder in einer Sternwarte einäugig durch ein Rohr in die Galaxie zu starren oder zwischen zwei Stühlen zu balancieren. Einerseits zwischen Dolores' Ausführungen, die nicht so ganz wegzuwischen waren, oder andererseits denjenigen meiner jungen attraktiven Begleitung, der auch nicht so ganz Unrecht mit seiner These hatte. Da meine Zahlenakrobatik mehr als lausig war wäre ich nicht mal in der Lage, eine Gleichung mit zwei Unbekannten, geschweige denn eine mit Abermillionen zu lösen. Was zum Teufel war also richtig und was falsch?

Wahrscheinlich aber war es einfach nur Magie. Pure, simple und einfache Magie, die jeder anwenden und verstehen konnte, der hinter die Fassade von Worten und Gesten blickte.

Oscar Wilde hatte das Trug- und Sinnbild von Sein und Schein seiner Zeit mit seiner Ausführung über die Geschichte vom schönen Narziss beschrieben und man konnte diese auf so manche Lebenslage oder Beziehung übertragen.

Jeden Tag weilte Narziss am Teich um an dessen Wasseroberfläche seine eigene Schönheit zu bewundern. Von sich selber so fasziniert, verlor er eines Tages das Gleichgewicht und ertrank. An jener Stelle im Teich wuchs eine Blume, die den Namen Narzisse erhielt. Oscar Wilde jedoch änderte den Schluss der Erzählung. Nach dem Tod von Narziss, kamen Waldfeen zum Teich, der sich vom einstigen Süsswassersee in einen Tümpel aus salzigen Tränen verwandelt hatte. Sie fragten den Teich, warum er weinte und dieser antwortete, weil er um Narziss trauere. Was die Feen nicht verstanden, denn, obwohl sie alle Narziss hinter her gelaufen waren, hatte nur der Teich das Privileg gehabt, die betörende Schönheit von Narziss aus nächster Nähe zu bewundern. Der See jedoch wunderte sich darüber, dass Narziss so schön gewesen war und überraschte damit die Feen. Diese verstanden es nicht, weil Narziss jeden Tag am Ufer stand und sich darin spiegelte. Daraufhin schwieg der See und sagte nach einer Weile:" Zwar weine ich um Narziss, aber dass er so schön war, hatte ich nie bemerkt. Ich weine um ihn, weil sich jedes Mal, wenn er sich über mein Wasser beugte, meine eigene Schönheit darin spiegelte."

Es ging nicht darum, ob Mann oder Frau Gottes Lieblingskind war, oder ob Eva die fiese Verführerin und Adam der schwanzgesteuerte Nimmersatt war. Es ging darum, die verschiedensten Eigenschaften zu einem einigermassen geniessbaren Menü zusammen zu stellen. Es ging darum, dass sowohl Frauen als auch Männer auf ihre Weise Recht hatten und es ging darum, das gegenseitig zu akzeptieren. Auch wenn man es nicht immer verstehen konnte, was man jedoch auch nicht musste. Und es ging darum, dass wir ohne einander einfach nicht konnten.

Sollte der Planet Erde laut Nostradamus tatsächlich erst im Jahre 6'800-irgend-etwas aus der Galaxie verschwinden, weil da seine Prognosen aufhörten, werden sich sowohl Venus-Göttinnen als auch Marsianer immer noch mit genau den gleichen Themen und Problemen beschäftigen und herumschlagen.

Was für ein Trost.

Helena Ugrenovic

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