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26. Oktober 2001

 Das kleine Ein-mal-Eins der Anmache...

...oder welche Strategien bestimmt nicht zum gewünschten Erfolg führen

Eine Frau wählt aus, um ausgewählt zu werden. So in der Regel spielt es sich, wenn auch unsichtbar für so manchen "Jäger", meistens ab. Doch sollte besagte Eva sich stets die Frage stellen, wem sie ein nonverbales Zeichen schickt, um angesprochen zu werden. Ein Frosch muss nicht zuerst geküsst werden um zu beweisen, dass sich nie und nimmer ein Prinz aus ihm entpuppen würde.

Beat war toll. Beat war cool. Beat war dünn, bleich, 7 Jahre alt und sass zwei Reihen hinter mir. Und Beat fand mich überaus blöd, so wie manche seiner Altersgenossen, die in diesen Jahren der Entwicklung mit der Frauen- oder Mädchenwelt herzlich wenig anzufangen wussten und die meisten "Zöpfe" blöd fanden. Beat war mein "Auserwählter". Meine nonverbale Kommunikation wurde leider erst 7 Jahre später, nach unzähligen Tränen und Unverständnis erhört. Hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, jemals das Herz von Beat zu erweichen, stand er eines Abend unerwartet vor meiner Haustüre. Das Stossgebet, das ich innert Sekunden zum Himmel gesandt hatte, hätte ich jedoch am liebsten gleich wieder zurückgezogen. "Heij! Haste nicht Lust, mit mir Rollschuh zu laufen? Tut der Figur überaus gut!" Ein Kompliment dieser Art verletzt einen vorputertierenden und pummeligen Teenager nicht nur, es züchtet einen schier nicht mehr zu heilenden Komplex heran. Fortan war er nicht mehr der "Auserwählte", sondern der Abgeschriebene.

Die Boxen dröhnten, die Lichter blinkten, die Leute hopsten. Mittendrin meine Frauenrunde und ich. Slowtime war angesagt, wir hatten uns entsprechend positioniert und aus den Augenwinkeln heraus realisierte ich, dass der von-mir-auserwählte-Dunkelhaarige sich in meine Richtung bewegte. Klar wollte ich mit ihm tanzen, hatte ich seit einer Stunde auf genau diesen Moment gewartet und sämtliche Peilgedanken in seine Richtung abgefeuert. Gross, gestylt und gutaussehend wie er war, genoss ich es, mich in seiner Umarmung dem Kuschelsound hinzugeben. "Weißt Du, welcher Haarspray mega gut ist und die Haare super duften nachdem man sie damit besprüht hat? Ich benutze ihn jeden Morgen. Wenn Du willst, sage ich Dir, wo Du ihn kaufen kannst. Würde Deinem Haar sicher auch gut tun, es wird so richtig schön glänzend." Im Klartext hiess das übersetzt: Hey Puppe, Dein Haar ist stumpf, stinkt und braucht dringend eine Kur. Ich bin die Sorte Mann, die sich ausserordentlich mit Schönheitsfragen beschäftigt, mindestens zwei Stunden das Bad blockiert und jede Strähne einzeln montiert". Die Kuschelstunde hatte ein jähes Ende gefunden, mein Traum war geplatzt und der Dunkelhaarige schnöde stehen gelassen.

Das Meeting war ein voller Erfolg gewesen. Nun stand man plaudernd und lachend an kleinen Tischchen versammelt und genoss Wein und warme Snacks. "Er" stand ein paar Tische weiter entfernt von meiner Gruppe und es war ein Leichtes, sich langsam aber sicher von Tischchen zu Tischchen durchzulächeln um schliesslich an seinem Tisch angekommen "darf ich meine Zigarette hier ausdrücken" zu sagen. Ein Lächeln aus strahlend blauen Augen liess mich dahinschmelzen und verzückt versank mein Blick in seinem. "Oh, Du hast geklebte Fingernägel? Hast Du das selber gemacht?" Klatsch! Nicht genug damit, dass die Gespräche die um uns herum stattgefunden hatten, auf einmal verstummt waren. Die strahlend blauen Augen hatten meine Hand gepackt und inspizierten jeden einzelnen, sorgfältig von mir geklebten Fingernagel. Eine geschlagene Stunde lang wurde ich in die Geheimnisse, Tücken und verschiedenen Vorteile von geklebten oder gefüllten Fingernägeln, French Maniküre und speziellen Feil- und Schleifsystemen eingeweiht. Meine Hand fest in seiner verankert hatte ich keine Chance, mich dem Rede- und Informationsfluss der blauen Augen zu entziehen. "Wir können uns ja einmal treffen, dann kann ich Dir noch mehr darüber erzählen." Nein Danke, mein Bedarf am kleinen Ein-Mal-Eins der Nägel und Kuppen war gedeckt. Ich hatte nicht vor mich mit einer Type zu treffen, die wahrscheinlich von sich behauptete, aufgrund seines Unterscheidungsvermögens zwischen einem Nageltip und einem gefüllten Nagel die Frauenpsyche zu kennen.

Eigentlich sah er nicht schlecht aus. Sogar die karierte Hose passte zu ihm und er vermittelte den Eindruck eines Künstlertyps. "Hast Du gepeilt?" fragte Dolores. Ich hatte. Gelangweilt nippte ich an meinem Drink und lächelte geheimnisvoll.
"Möchtest Du tanzen?" Strike! Es hatte auch diesmal funktioniert. Der Karohose voraus trippelte ich auf die Tanzfläche und lächelte ihm erwartungsvoll entgegen. Meine Mundwinkel waren noch immer in die Höhe gezogen, als mich die Wucht seines Klammergriffes erfasste, an sich presste, eine Hand damit anfing meinen Rücken zu massieren und die andere an meinem Hals herumstreichelte. Alledem noch die Krone damit aufgesetzt, seine gerade entstandene Männlichkeit provokativ an meine Hüfte zu drücken. Unvorbereitet auf diese Attacke jagten mir während der ersten Umdrehung tausend Gedanken durch den Kopf. Einerseits wollte ich nicht unhöflich sein und ihn sogleich stehen lassen. Andererseits stieg mit jeder Sekunde der Widerwille gegen seine tatschenden Hände und drückenden Hüften. Ich beschloss, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, weil um ein solches zu führen der Abstand zwischen unseren beiden Körpern grösser werden musste. "Wie heisst Du eigentlich?" lächelte ich ihn an.
"Ah, Du bist aber neugierig! Was willst Du sonst noch von mir wissen?"
Siegessicher fletschte er die Zähne und blickte mich gierig an.
"Es reicht, wenn ich Deinen Namen weiss. Ich tanze nicht gerne mit Fremden."
Die aufsteigende Wut unterdrückte ich erfolgreich.
"Bruno. Ich komme aus dem Fricktal. Jetzt weißt Du es. Fremd? Ich bin nicht fremd, wir tanzen ja zusammen. Hehehe! Wie heisst Du?"
Au weia. Bruno. Fricktal. Karierte Hose. Adios Künstlertyp. Meine Intuition hatte kläglich versagt und ich hätte das "Licht" verfluchen können.
"Ich heisse Bla-bla-bla."
"Das ist aber kein christlicher Name!" Nein, mein Name war griechisch orthodox und international zugleich und ich kam nicht umhin, ihm diese Information auf die Nase zu binden.
"Griechisch orthodox? Noch nie gehört. Ist das eine Religion?" Verdattert blickte Bruno mich an und ich seufzte. Er war nicht nur ein überaus schräger Vogel, nein, er schien auch nicht sonderlich intelligent zu sein. Ich ergötzte mich in einem Redefluss über das Byzanthinische und Osmanische Reich und die verschiedenen Glaubensrichtungen der yugoslawischen Völkerstaaten, denn ich hatte beschlossen, Bruno nicht nur in den Kollaps zu reden sondern ihm einfach die letzten Umdrehungen gehörig zu versauen. "Glaubst Du an Gott?" fragte er nun auch schon weiter.
"Ich glaube an höhere Mächte, an Vorbestimmungen und an Dinge, die sich ein normaler Mensch mit seiner dreidimensionalen Denkweise schwer erklären kann." Und ich glaubte vor allem an böse Mächte die hundert Pro ihre Hände wieder im Spiel haben mussten, dass ich mich immer noch in Brunos Umklammerung drehte und wand. "Ich glaube an unseren Jesus Christus!" schrie Bruno triumphierend in mein Ohr. Fiat Lux! Durchzuckte es mich. Oder Ming, Sing, Wung und Fu-Sekte. Egal. Bei irgend einer dieser Institutionen musste Bruno Mitglied sein und träumte sicherlich wie seine verzückten Sonnenanbeter davon, einmal in seinem Leben auf dem Schweif eines Kometen durch's All zu jagen. "In dem Fall glaubst Du auch an die Liebe?" Brunos Hände begaben sich von Neuem auf Wanderschaft und tasteten sich an meiner Wirbelsäule hinunter bis zum Po wo er seinen Klammergriff wieder verstärkte und mich feste an sich drückte, dass er damit sogar eine Milbe zerquetscht hätte. Hätte sich diese im Gefaser meiner oder seiner Hose eingenistet.

Ich glaubte an die Liebe, ohne Zweifel. Jedoch glaubte ich in keiner noch so erdenklichen Art und Weise an eine Liebe oder sonst was in dieser Richtung zwischen mir und meinem Tanzpartner. Plötzlich überfiel mich eine ultimative Migräne und ich musste mich unbedingt um meine sitzengelassene Freundin kümmern, da diese sonst bestimmt sehr wütend auf mich werden würde, überliess Bruno seinem Schicksal und zwängte mich durch die tanzende Menge.

"Heij, warte mal! Ich gehe auf die Toilette und komme gleich zu Dir? O.K.?"

O.K. Entnervt jagte ich zu Dolores, kippte meinen Drink Ex und Hopp, schnappte unsere Taschen, zog die erstaunte Freundin in Richtung Ausgang und sah demonstrativ an Bruno vorbei, als dieser gerade aus der Toilette stürmte und wieder Anstalten machte, sich uns anzuschliessen.

Ich hatte nicht vor, länger den Ausführungen eines postmodernen Fricktaler Jesus Christus zu lauschen oder meine Aura mit seiner verschmelzen zu lassen.

Während Dolores sich schlapp lachte über mein ausführliches Gemecker, überdachte ich wohl zum tausendsten Mal die Karrierezeit meines Daseins als Frau und ob auch ich so dann und wann meine Eroberungszüge auf so platten Sätzen, wie vereinzelte Männer darauf spezialisiert waren, aufbaute.

Ich kam zum Entschluss, dass das nicht der Fall war.

Helena Ugrenovic

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