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26. Oktober 2001

 Postillon d'Amour

Gute Freunde, besorgte Mütter und sonstige Familienhaie sowie kleine Mädchen erklärten die Frage, warum man ab und zu den Wunsch verspürte, jemandem die Gurgel umzudrehen.

Nicht die Tatsache, in gewissen Abschnitten des Lebens ein Single zu sein, beängstigt oder lässt Gefühle wie Torschlusspanik aufkeimen.

Sind es eher gute Freunde, besorgte Familienmitglieder sowie kleine Mädchen in der Vorpubertät, die auf Biegen und Brechen keine noch so gemeine List scheuen, ihr ganzes Repertoire an Kuppelversuchen aufzufahren.

"Wie alt bist Du?" Während einem gemütlichen Abendessen mit einem Freund, mischte sich Zuckertaube munter in die Unterhaltung ein.
"Zu alt," zwinkerte er.
"Wie alt?" bohrte sie weiter.
"35."
"Cool! Mama ist 34!" strahlte Zuckertaube," und was hast Du für ein Sternzeichen?"
Ich verschluckte mich und eine unzerkaute, überaus heisse Ravioli verbrühte Speiseröhre und Magen.
"Das gleiche Sternzeichen wie Deine Mama," gab Marc bereitwillig Auskunft.
"Wow! Das passt ja perfekt!" staunte meine Puppe," und welche Hobbies hast Du? Was machst Du gerne? Tanzt Du gerne? Mama liebt es, abzutanzen! Kannst Du Malen? Mama ist eine echte Künstlerin!"
Bevor sie ihren Lobgesang auf mich fortsetzen konnte, schob ich ihr eine frittierte Crevette zwischen die nimmermüden Lippen. "Bäh! Das schmeckt nicht gut!" meckerte sie. Genau so wenig wie es mir schmeckte, dass sie mich an den Mann bringen wollte.

Ein brütend heisser Julitag, an dem sogar eine Katze ins kalte Nass abgetaucht wäre. Auch wir lagen auf unserem, seit Jahren als unser eigen bezeichneten, Lieblingsplatz im Schwimmbad. Diesmal jedoch eingekreist von ungefähr 25 Italienerinnen und Italienern zwischen 6 Monaten und 60 Jahren, sehr kommunikativ, fröhlich und alle auf irgend eine Art und Weise miteinander verwandt, verschwägert oder verbandelt. Vom sizilianischen Keks bis hin zur Gallia Melone wurden Zuckerkeks und ich gefüttert und gehätschelt. Wir gehörten zur Familie, da man schliesslich seit Jahren jeden Sommer Freud und Leid miteinander teilte.

Der letzte Quadratmeter zwischen meinem Badetuch und dem eines Kindes wurde von einem weiteren Familienmitglied belegt. Einem männlichen Mitglied. Einem sehr hübschen männlichen Familienmitglied, dem Neffen von Badetuch rechts unten neben der Dusche. Prompt verwickelten wir uns in ein Gespräch, wechselten gegenseitig die Liegeposition um gleichmässig gebräunt zu werden und wurden von 25 Paar italienischer und drei Paar serbischer Augen observiert. Zuckerkeks hatte zwischen ihren Grosseltern im Schatten der Bäume Stellung bezogen. Zu dritt registrierten sie jeden noch so winzigen Wimpernzucker, jedes Lächeln, jedes Blinzeln und drehten ihre Köpfe zur Seite, wenn ich ihnen einen vernichtenden Blick zuwarf.
"Was macht ihr?" Nass und Kalt quetschte sie sich zwischen mich und den italienischen Neffen und hatte sämtliche ihrer Antennen ausgefahren.
"Wie heisst er?" fragte sie mich auf Jugoslawisch.
"Kann ich Dir jetzt nicht sagen."
"Warum nicht?" nervte sie weiter.
"Weil man Namen nicht übersetzen kann und er merkt, dass wir über ihn sprechen, was sehr unhöflich wäre," konterte ich.
"Was arbeitet er?"
"Mit Computern."
"Cool! So wie Du!" strahlte sie.
"Hat er eine Freundin?" Die Neugier 10-jähriger Mädchen übersteigt die der Mütter und Schwiegermütter.
"Nein, hat er nicht."
"Mega, Mann! Hast Du seine Telefonnummer?" jubelte nun Zuckertaube.
"Nein! Er ist 10 Jahre jünger als ich!" seufzte ich. Leider war er das.
"Na und? Du bist auch jung! Und wenn man sich liebt, dann spielt es keine Rolle, wie alt jemand ist, oder? Du bist oberflächlich und gemein Mama, sein Herz ist wichtig!" Tatsache war, dass mein Herz schon 10 Jahre mehr auf dem Arterienbuckel hatte und die Haut meines Gesichtes nicht mehr wie die eines Baby-Po's aussah.

Vielleicht hatte Zuckertaube einen Sonnenstich abgekriegt. Oder mich hatte es erwischt. Auf jeden Fall war mir die Rollenverteilung zwischen uns beiden nicht so ganz klar. Wer war Mutter und wer Kind?

Ich hatte sie fast vergessen, die Geburtstagsfete von Catalina und ihrer neuen Flamme. Prompt rief sie an, sülzte, bettelte und schmeichelte. Von meinem Erscheinen hing nicht nur das weitere Fortbestehen des Planeten ab sondern mein Lebensglück schlechthin. Mir schwante Böses.
"Wer ist es diesmal?" entnervt hämmerte ich mit den Fingernägeln auf die Tischplatte. Ich war glücklich, unabhängig, mein eigener Herr und dachte nicht daran, auch nur das winzigste Teilchen in meinem Lebensmuster zu verändern. Und schon gar nicht wollte ich mich verkuppeln lassen. Gierig hatte Catalina auf meine Frage gewartet und ratterte innert kürzester Zeit den Lebenslauf des von ihr für mich Auserwählten durch den Äther, ohne ein einziges Mal Luft zu holen. Er war lieb, toll, nett, attraktiv, sympathisch, genial, gepflegt, gutaussehend, hatte einen Top-Job, eine Supervilla, war geschieden, mit einem Sohn gesegnet und ich wie ich wüsste, hätte sie schon immer einen Superriecher für ein perfektes wer-passt-zu-wem-Duett gehabt. Das Glückslos schlechthin. "Stell Dir vor," jauchzte Catalina," du hast eine Tochter und er einen Sohn! Die perfekte Familienkonstellation!" "Hat er auch noch einen Hund?" fauchte ich," das würde das Bild von der Kinderüberraschungs-Ei-Fernsehfamilie abrunden, oder nicht? Im Garten eine Schaukel, er mit den Pantoffeln vor dem Kamin und ich am Konfitüre einkochen." Catalina's Litanei über meine Gemeinheit und Sturheit ähnelte in verblüffender Weise der meiner Zuckertaube und ich fragte mich, ob sie alle unter einer Decke steckten.

Ein Urlaub im Schosse der Familie sorgte immer für regen Gesprächsstoff, Enthüllungen neuer Intrigen, Familiengeheimnissen, wer mit wem was gemacht oder eben nicht gemacht hatte und wer wieder zu haben war. Wenn es sich bei der Reisenden und Nachrichtenübermittlerin um eine Mutter handelte, die von ihrer Kommandobrücke aus sehr gerne die Privatsphäre ihrer Tochter und Enkeltochter traktierte, waren dies in der Regel sehr delikate Angelegenheiten die mit Vorsicht zu geniessen waren.

"Oma ist zurück und sie hat Geschenke für uns mitgebracht." Das gierige Glitzern in Zuckertaubes hungrigen Augen übertrumpfte die Wohnzimmerbeleuchtung. Doch auch bei mir löste das Wort Geschenke ein Glockenspiel aus.
"Gefällt Dir die Handtasche?" lauernd beobachtete Oma und Mutter meinen Gesichtsausdruck.
"Weißt Du, er hat einen wirklich ausserordentlich treffenden Geschmack. Nachdem er das Photo von Dir gesehen hat, wusste er gleich, was für ein Typ Frau Du bist und welchen Geschmack Du hast. Er ist wahnsinnig nett!" Der wahnsinnig Nette war ein 40-jähriger Freund der Familie, ewiger Single, wohnhaft bei Mama und Papa die ihn durchfütterten und seine Rechnungen bezahlten. Und mit grösster Wahrscheinlichkeit noch ungeküsst. "Er ist ein Weichei, ein Memmerich! Hör endlich damit auf, mein Photo an jeden Baum zu heften und mich mit sämtlichen Männer verkuppeln zu wollen!" wetterte ich.

Ich war arrogant, selbstherrlich, stolz, stur, frustriert, kalt wie ein Fisch und ich würde garantiert wie eine meiner Tanten enden. Eine Tante, wie es sie in jeder Familie mindestens ein Mal gibt. Besagte Tante wurde im Sommer 61 Jahre alt, fristete seit 40 Jahren ein geschiedenes Dasein, meckerte ständig und man merke ihr an, dass ihr ein Mann fehlt. War die zusammengefasste Version des Redeschwalls, der sich über mich ergoss.

Immerhin hatte ich noch 27 Jahre vor mir, um mir einen Mann zu angeln und meine Hormone in Einklang mit der Natur zu bringen.

Helena Ugrenovic

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