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26. Oktober 2001

 Gott straft sofort

Manche ein bisschen mehr als andere. Manche toben sich ungehemmt und gnadenlose durch's Leben, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne dass der alte Mann mit dem langen weissen Bart auch nur einen Wimperzucker dafür startet. Andere wiederum kriegen für jeden noch so kleiner "Oupser" eins auf die Rübe.

Wie auf Kommando blickten wir uns an. Vanessa und ich, während wir die Treppe hinuntertänzelten. "Jesus, heute sieht sie ja richtig übel aus! Wie kann man bloss einen buntgemusterten Tangastring unter einer weissen, durchsichtigen Sommerhose tragen?" fragend blickte ich zu Vanessa. "Autsch!!" Ich hatte noch nicht einmal alles ausgesprochen, was mir sonst noch an modisch versierten Kommentaren auf der Zunge lag, als ich auf dem Absatz meiner Sandaletten die restlichen 10 Treppenstufen hinunterschlidderte und es nur Vanessas Geistesgegenwart zu verdanken war, dass sie mich an der Hand packen konnte und ich mir nicht das Steissbein quetschte.

Faul räkelte ich mich auf einer pinkigen Luftmatratze im Salzwasserpool eines griechischen Luxusschuppens und brutzelte unter ägäischer Sonne. Peinlichst genau darauf bedacht, dass die Bahn für mich, die Queen des Pools, frei war und niemand es wagte, meinen Weg zu kreuzen oder Wasserspritzer meinen aufgeheizten Körper irritierten. "Jippiehh! I am the best!" "The best" hatte die Hautfarbe eines französischen Camemberts vor seiner Reifezeit, war aus zwei Metern Höhe mit seinem Hintern aufs Wasser geknallt und hatte mir eine unfreiwillige Dusche verpasst. Während sich der Camembert reumütig entschuldigte, sah ich vor meinem geistigen Auge, wie er sich abends, rot wie ein Hummer, mit schmerzverzerrtem Gesicht, steif und breitbeinig die Tzatziki-Sauce nicht aufs Schnitzel sondern auf die verbrannten Schultern pappen würde. Ätsch! Platsch!
Ich hatte mich, wie schon so oft während meiner Pool-Session, lediglich umdrehen wollen. 1000 Mal probiert, 1000 Mal war nix passiert, 1001 Macht, und es hatte Platsch gemacht! Seitlich war ich in die reisserische Sprudeldüse des Pools gefallen und war anschliessend eine Stunde lang damit beschäftigt, wie ein Storch auf einem Bein über rutschige Bodenplatten zu hüpfen um mein linkes Ohr zu entwässern.

Der Vorteil, eine zweite Muttersprache zu beherrschen die zudem noch keinerlei Rückschlüsse auf die lateinische Sprachen zuliess, besteht darin, jederzeit und unhöflicherweise gegenüber dem Rest der Anwesenden, das eine oder andere Detail nicht flüstern, sondern aussprechen zu können. "Mensch, der Typ ist ja so was von ätzend! Merkt er denn nicht selber, wie überaus doof er ist?? Ausserdem hat er gerade gerülpst!" lästerte ich auf jugoslawisch in Vanessas Richtung. Ein Seminar hatte uns und unsere Arbeitskollegen auf einen Berg hoch droben im Luzernischen verschlagen. Weit und breit keine Fluchtmöglichkeiten. Eigentlich beherrschte auch ich den Schluck- und Saugeffekt seit dem ersten Tag meines Daseins. Eigentlich konnte ich auf eine Erfahrung von 32 Jahren zurückblicken. Eigentlich war ich ein Profi. Doch just in dem Moment nach meiner Lästerkampagne streikte das Betriebssystem meines Gaumens und kollabierte mit dem Luftröhrensystem. Die Augäpfel zuckten nach vorne, während dessen ein stechender Schmerz meinen Brustkorb durchbohrte und ich drohte, an einem Hustenanfall zu ersticken. Rettendes Gehämmer auf meinen Rücken von Seiten des Rülpsers bewahrte mich vor einem Kollaps.

"Mann, diese Szene hättest Du erleben sollen! Sie ist wie eine Furie auf ihn losgegangen, hat getobt, gezetert, geschrieen und gestänkert und ihn vor allen Leuten zur Schnecke gemacht! Wie kann man bloss so eifersüchtig sein und sich so in aller Öffentlichkeit zum Affen machen?" Ausführlich berichtete und kommentierte ich meiner italienischen Liebe von einem Eifersuchtsdrama, dessen Zeugin ich am Vorabend geworden war. "Musstest Du sie unbedingt mit Komplimenten vollsülzen?" giftete ich. "Hab' ich doch gar nicht. Ich habe lediglich gesagt, dass sie schönes, langes Haar hat!"
"Pah! Das ist angesetzt! Alles was weiter als fünf Zentimeter von der Kopfhaut absteht ist angeschweisst!"
"Sie sind trotzdem schön!" piekste Italy weiter.
"Ach ja? Dann hättest Du Dir so eine Freundin aussuchen müssen und nicht mich mit kurzem Haar! Ausserdem musstest Du ihr auch nicht wie ein Gockel die Hand reichen, damit sie sich vom Stuhl erheben konnte!" meckerte ich weiter. "Ich wollte nur höflich sein!" verteidigte sich die Gegenpartei.
"Höflich? Sie hatte ihren eigenen Mann dabei, hat sie selber noch betont...." Du musst nict eifersuchtig sein...ich ha mini maaaaa dabei"....bäh! Ich, eifersüchtig? Auf was? Falsche Haare und falsche Wimpern?"
"Na und?"
"Na und? Ach so ist das! Aber klebe ich mir Fingernägel an bin ich eine Kitschtussi."
"Hast nicht Du mir vor einigen Tagen von der überaus dämlichen Hysterikerin erzählt, die sich in aller Öffentlichkeit zum Affen gemacht hat?" Lauernd blickten mich zwei dunkle Augen an. In der Tat, das hatte ich. Jetzt hatte ich mich und meine italienische Liebe im Klo eingeschlossen und kochte über vor Eifersucht. Im Saal neben uns tobte die Sause und ich verdankte es nur DJ Pippi und Jamie Lewis, das mein Gekeife übertönt wurde.

"Mein Gott, was glotzen die denn so penetrant!?" Empört blickte ich dem knallroten, tiefergelegten, überpolierten und schwerbeladenen BMW hinterher. Den Klängen nach zu urteilen die mit etwa 80 Dezibel durch die geschlossenen Fenster zu hören waren, handelte es sich um After-Work-Party-Hengste die gerade ihren Brunftdrink hinter sich hatten und nun röhrend durch die Gegen donnerten.

"Was ist?" fragend blickte ich in Vanessas nachdenkliches Gesicht. "Bevor Du sie mit unflätigen Ausdrücken überschüttest und mit Flüchen belegst, denk daran, dass Gott sofort straft, und manche sogar ein bisschen mehr."

Wo sie Recht hatte, hatte sie Recht. Es entsprach schon fast einer Tatsache, dass irgendwo über uns - respektive mir - ein Kriegsgericht hockte, das Gleiches mit Gleichem vergalt. Nur machte es ganz den Anschein, dass ich von einem ganzen Bataillon an Security-Angeln observiert wurde, die jeden Wimperzucker und jeden noch so winzig-kleinen-und-gemeinen Gedanken sofort weiterpetzten und mir mir-nix-dir-nix eine Retourkutsche um die Ohren hauten.

Die Moral der Geschicht? Security-Angel provoziert man nicht!

Helena Ugrenovic

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