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15. Oktober 2001

 Summer-Stories

Zu dritt futtern Sie sich am Morgen durch's Frühstücksbuffet des Hotels. Zu dritt verlassen und betreten Sie vier Tage lang die Hotelhalle. Zu dritt drücken Sie abends dem Parkwächter den Parkschein in die Hand und holen diesen morgens um 04.00 Uhr wieder ab. Drei Engel für Charlie. Zu sechst sorgen Sie am 5. Tag für erstaunt in die Höhe gezogene Augenbrauen des Hotelpersonals und den Beinahe-Kollaps eines überaus katholischen Parkwächters, der nimmermüde ein Kreuz nach dem anderen schlägt.

"Tic, Tric und Trac - Oder das merkwürdige Paarungsverhalten geschlechtsreifer Grossstädter zur Paarungszeit"
"Sie sind da."
"Wer?"
"Na Mike - euer Kompagnon, oder besser gesagt - die dritte Waage im Bunde und seine Freunde." Aha. Tic, Tric und Trac waren also im Hotel. Der eine der Freunde war Michi - Sternzeichen Waage. Der andere Freund war der "Kusän", keine Waage, dafür aber Vertreter des Erdzeichens Stier. Vier Waagen, eine Skorpion-Lady und ein Stier in Italiens Gefielden und Gässchen. Geschlechtsreif waren wir, Grossstädter waren wir auch, Paarungszeit sei dahingestellt und merkwürdig waren wir tatsächlich.

Ganz im Sinne einer italienischen Grossfamilie und wie es sich in einem Land wie diesem gehörte, trumpften wir an diesem Abend als geballte Ladung auf. Rechts von uns eine Geburtstagsfeier, welche uns um knapp 20 Mitglieder übertraf; links von uns vier Generationen, inklusive zahnlosem Grossvater und quengelndem Kleinkind, hinter uns fünf Pärchen in trauter Gemeinsamkeit und lautstarker Unterhaltung. Vor uns ein nervös wartender Kellner weil die erste Waage nicht wusste, ob sie wirklich dieses Menu wollte, die zweite Waage sich zwischen Rotwein und Weisswein den Kopf zerbrach, die dritte Waage Ene-mene-mistete ob sie die Pasta im Menue nicht lieber doch mit Gemüse ersetzen sollte und die vierte Waage zwischen Fischigem und Fleischigem nachgrübelte. Dass Skorpion und Stier schon lange an ihrer Vorspeise herumkauten, war indes klar.

Nach üppigem italienischem Essen, süffigem Wein, verdauungsförderndem Grappa und wiederbelebendem Espresso waren wir fit für die nächste Runde - und die hiess Viale Ceccarini. Ricciones Catwalk. Die Flanierstrasse schlechthin, die eigentlich, wenn man es sich so genau überlegte, locker die Mailänder Modewochen oder die Modenschauen auf der spanischen Treppe in Rom, im Louvre oder sonst wo hätte ersetzen können. Lediglich ein paar Kameras hätten das ganze Treiben, Flanieren, Spazieren, Kokettieren, Glitzern und Blitzen festhalten und über den Äther senden sollen.

"Und jetzt?" Nach zwei Stunden intensivem Beobachtungsposten aus einer Ecke der American Bar heraus, war uns der Platz auf dem Hochsitz langweilig geworden. "Jetzt?" fragte auch schon der Kusän:" Jetzt geht's in die dritte Runde! Mädels, wo geht's hier ins Leben?" Das Leben befindet sich in Riccione in jedem Pflasterstein und jedem noch so kleinen Sandkorn. Doch steht an einer Klippe zum Meer und hoch droben auf dem Hügel, die einst grösste Diskothek Europas, die man einfach besucht haben musste.

"Santa Maria, Santo Jesù!" Klein, glatzköpfig und neugierig starrte uns der Parkwächter des Hotels nach. Drei Mädchen und drei Jungs. Nur, dass wir nicht wie die Musterfamilie aus der 60er-Jahre-Ami-Kultserie den Eindruck von Colleg-Schülern vermittelten, sondern eher nach Kölle-Alaaf aussahen.

"Wow! Das ist ja ein Ding!" In der Tat, das war es. Ein Zeus, dessen Kupferhand in der Lage war, bei freiem Fall einen Menschen zu erschlagen, zwei riesige Kupferbecken in der Grösse eines Whirlpools zierten den Eingang zum grössten Tempel den wir je gesehen hatten.

"So, und jetzt trinken wir was Anständiges. Wie wär's mit einem Shot?" Die Idee, es mit einem B52 zu versuchen, war meine Idee. Obwohl noch nie getrunken, gefielen mir die verschiedenen Farben die in einem Winzeglas schimmerten und dass man einen B52 vor dem Trinken anzünden musste. "Mein Strohalm brennt!" Während alle ihren Drink in einem Zug heruntergespült hatten, nuckelte ich an einem geschmolzenen Strohalm herum. "Das zählt nicht!" brüllte nun auch schon Kusän:" jetzt bestelle ich uns einen anständigen Drink!" Bis heute wussten wir nicht, welche Zutaten das zähnefletschende, hämisch grinsende Barfräulein in die Becher geschüttet hatte. Die Endfarbe war ein dunkles Rot mit einer Schaumkrone obenauf. "Rot für Blut, oder Rot für Tot?" hickste Valentina neben uns. Rot für Tot. Der Tod als solches zieht sich über 4-5 verschiedene Sterbephasen hin. Wir befanden uns mittlerweile in der dritten.

"Mann, mir ist übel!" stöhnte Vanessa. "Heij, ihr s..s..s..eid alle lieeb!" strahlte Valentina. Und ich? Ich beobachtete argwöhnisch die Schüttelbewegungen der Barmieze, welche den 1-Liter-Becher gerade wieder zum Stillstand gebracht hatte, 6 Strohalme hineinsteckte und gurrte:" Sie mussen trinken alles in Eine Mal, okeij?" "Okeij!" brüllten wir Helden dieser Nacht, steckten die Köpfe zusammen und sogen an der blau-roten Flüssigkeit, die uns geradewegs das Tor zur Hölle öffnete und in die vorletzte Sterbephase katapultierte.

"Eins....s..s..s..wei....d...d...d...eiiiii!!!! Yipiehhhhh!!!" Wir hatten ihn nicht kommen sehen, den Angriff des Tigers. Wir hörten nur Vanessas Schrei und ein lautes Platsch. "Hehehe...ich hab's ‚emacht....ha..ha..'ssu nich ‚edacht....oups!!??" Während Tic im Pool gerade Purzelbäume schlug, Vanessa ihre Ohrringe auf dem mosaikgeschmückten Grund des Beckens suchte, Valentina und ich uns an die Gitterstäbe der Absperrung gebunden hatten um nicht dem gleichen Schicksal zu erliegen, stand er auch schon hinter uns. Der hauseigene Popeye oder auch Bodyguard genannt. "Ist nicht gut Wasser. Sie sollen besser wieder kommen heraus, weil wenn die Leute haben keine Zeit um zu Toilette zu kommen wenn es ist ihnen übel, sie benutzen Pool, weil näher ist, okeij?" Okeij!

"Geh'n wir? Mir ist saukalt!" Schlotterte Vanessa. "Ja...nimm mein S..s..s..hirt, is' s..s..s..iemlich trocken...lang....'sieh Hose und dein Oberteil aus...." sprach Tric. Wir gingen, nach uns die Sintflut. Ciao Barmieze, Du fieser Luzifer in Person.

"Buon giorno! Sie kommen heute sehr früh!" Er hockte immer noch da, unser Parkwächter. In der Tat, wir kamen nicht nur spät, oder sehr früh am Morgen, wir sahen aus wie nach einem Hahnenkampf. Vanessa im Schlabber-Shirt und ohne Hose, Tric mit Vanessas rauchblauem Träger-Glitzerteil, Tic mit einer Wasserlache die Kreise um ihn herum zog, Valentina mit verzücktem Lächeln und wie ein Überbleibsel aus der Flower-Powerzeit, der Kusän mit wild herunterhängenden Haarbüscheln und ich mit einer ehemals weissen Hose wo jeder Gaffer sich wohl fragte, in welchem Gebüsch ich mich herumgewälzt haben mochte.

"Wer hat meine Hose?"

"Oh Santa Maria! Santo Jesù! Queste straniere, mamma mia! Una cosa incredibile! Mamma mia!"

Ich hatte mich umgezogen, plünderte an diesem Morgen alleine das Frühstücksbuffet und wunderte mich über die aufdringlichen Blicke der japanischen Reisegruppe die eifrig tuschelte.

Und dann sah ich mich, im Rokkoko-Spiegel des Speisesaales. Goldfarbene Schnürsandalen, grüne Shorts, darüber ein pinkfarbenes T-Shirt auf welchem die Zahl 6 glitzerte, das Ganze gekrönt mit einem goldenen Paillettentäschen, das ich umgebunden hatte und welches den Eindruck vermittelte, als sei ich gerade von der Reeperbahn nach Hause gekehrt.

Mamma mia!

Die Moral der Geschicht? Einer Barmieze traut man nicht!

Helena Ugrenovic

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