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21 Grams

Wie viel wiegt die Seele?

Die Schicksale von drei Menschen werden durch einen Verkehrsunfall miteinander verknüpft. Ein starkes Drama über Schuld, Rache, Hoffnung und Erlösung vom Regisseur des Überraschungserfolges «Amores perros».

Von Karin Müller

Mit seinem Spielfilmdebüt «Amores perros» heimste der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu zahlreiche Preise ein. Nun versucht er, den Erfolg zu wiederholen, indem er sich wieder mit Drehbuchautor Guillermo Arriaga zusammentat und mit zahlreichen Hollywood-Stars ein neues Drama über die verschlungenen Wege des Lebens drehte.
Brennpunkt des Geschehens in «21 Grams» bildet wie in «Amores perros» ein Verkehrsunfall, der die Schicksale von drei Personen samt ihren Familien miteinander verknüpft. Ähnlich ist auch die Erzählstruktur. Die Geschichte von «21 Grams» entfaltet sich als Rückblick, der nicht chronologisch, sondern bruchstückhaft aufgerollt wird. Es ist den Zuschauern überlassen, die einzelnen Teile sinnvoll zu ordnen. Eine solche Erzählweise spiegelt einerseits den Seelenzustand der Figuren und andererseits die komplexe Realität modernen Lebens, in dem der Einzelne darum ringt, den Überblick zu behalten.

Ein anstrengendes Puzzle

Der Ex-Sträfling Jack Jordan (Benicio Del Toro) findet Halt in seinem neu gefundenen Glauben an Gott und strengt sich an, um seine Frau und die zwei Kinder versorgen zu können. Da überfährt er aus Unachtsamkeit auf dem Heimweg den Mann und die zwei Töchter von Cristina (Naomi Watts), die nach einer Drogenkarriere in der Familie ein neues Glück gefunden hatte. Der fatale Unfall verhilft dem sterbenden Collegeprofessor Paul Rivers (Sean Penn) zu einem neuen Herz. Auf der Suche nach dem Organspender trifft Paul, dessen Ehe mit Mary (Charlotte Gainsbourg) schon vor langer Zeit gescheitert ist, auf Cristina. Zwischen den beiden entwickelt sich mehr als eine Freundschaft, und gemeinsam verfolgen sie Jack, an dem sie sich rächen wollen.
Es ist nicht immer ganz einfach, die Ereignisse chronologisch richtig aneinander zu reihen, aber Iñárritu und Arriaga verstehen es meisterhaft, die Puzzlestücke so zu mischen, dass man sie am Ende stimmig zusammenfügen kann. Die ebenso durchdachte wie anstrengende Verschachtelung und Fragmentierung der Handlung schafft jedoch auch Distanz. Es ist den hervorragenden Darstellern zu verdanken, dass man die Figuren dennoch als starke Charaktere wahrnimmt und sich nicht von ihnen abwendet. Besonders Benicio Del Toro beeindruckt einmal mehr mit seiner Leinwandpräsenz. Sean Penn hat sich mit dieser Rolle endgültig von seinem Macho-Image gelöst, und Naomi Watts, die mit «Mulholland Drive» den Durchbruch schaffte, ist weiterhin auf dem Weg nach ganz oben.

Die Klischeefalle vermieden

Eine einfachere und geradlinigere Erzählweise hätte die Wirkung der Handlung vertiefen können. Andererseits birgt die eigentliche Geschichte, so aufwühlend sie sein mag, gleichzeitig die Gefahr, in Klischees zu verfallen. Alles packten die Filmemacher hinein. Sein neues Werk sei, sagt Iñárritu, «eine Meditation über Verlust, Sucht, Liebe, Schuld, Zufall, Rache, Verpflichtung, Glaube, Hoffnung und Erlösung». Durch die geschickte formale Konstruktion wird die Klischeefalle weitgehend vermieden. Nur der Schluss fällt leicht ab, denn am Ende hat jeder seinen Platz, sei es im Leben oder im Tod, gefunden, und alles hat seine Richtigkeit. Dem Beunruhigenden, Verwirrenden wird durch die von Iñárritu und Arriaga gewählte Auflösung, die man durchaus als eine Art Happy End bezeichnen kann, die Spitze genommen.
Bleibt noch die Frage nach dem Titel «21 Grams». Jeder Mensch verliert angeblich 21 Gramm seines Körpergewichts, wenn er stirbt. Es wird angenommen, dass es die Seele ist, die 21 Gramm wiegt.

Regie Alejandro González Iñárritu
Darsteller Sean Penn, Benicio Del Toro, Naomi Watts, Charlotte Gainsbourg
Buch Guillermo Arriaga
Kamera Rodrigo Prieto
Produktion USA 2003
Dauer 125 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.21-grams.com

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