Filmarchiv

Mrs Henderson Presents

Kulturelle Blössen

Judi Dench und Bob Hoskins brillieren in einem frivolen Lustspiel um eine Nacktrevue.

Von Georges Wyrsch

Die Prüderie und deren Attacke hat in Grossbritannien eine lange Tradition – selbst heute finden sich in englischen Reiseführern Verweise auf die klassisch-schmuddeligen «Seaside Postcards», beschäftigt sich die Literaturwissenschaft eindringlich mit der scheinheiligen Keuschheit der Viktorianer und erklären die Wiederholungen der «Benny Hill Show» im Nachmittagsprogramm allen interessierten Europäern das komische Potenzial zwischen einer steifen Oberlippe und einem gehobenen Röckchen.

Die Komödie «Mrs Henderson Presents» spielt im London der Dreissiger- und Vierzigerjahre und hat ebendieses gespaltene Verhältnis zur Sexualität zum Thema. Mrs Henderson (gegeben von der ideal besetzten Judi Dench) ist eine Witwe im Wohlstand auf der Suche nach einem neuen Lebensinhalt. Kurz entschlossen kauft sich die scharfzüngige Dame ein Theaterhaus und engagiert als Direktor den jüdischen Showprofi Vivian Van Damm (Bob Hoskins). Die erste aufgezogene Revue funktioniert zwar, aber zwischen Geld und Geist fliegen von Anfang an die Fetzen.

Als das Theater im Anschluss schnell zu serbeln beginnt, hat die eingesessene Matrone eine rettende, aber vor allem zündende Idee. Als gute Freundin des für die Zensur zuständigen Lords prescht sie bei den Instanzen vor und propagiert ihr neues Vorhaben: Weibliche Nackedeis sollen fortan ihre Revue um den entscheidenden Klacks attraktiver machen. Eifrig verhandelt sie den künstlerischen Wert ihres Anliegens, und sie kommt damit durch.

Der Stoff beruht in groben Zügen auf einer wahren Geschichte, und was der gestandene Theaterautor Martin Sherman und der Regisseur Stephen Frears in dieser Fassung daraus gemacht haben, ist von der ersten bis zur letzten Szene köstlich. Visuell ist der ganze Film so sorgfältig geglättet wie das Toupet von Bob Hoskins, während die Dialoge noch zugespitzter von der Leinwand hageln als Judi Denchs Kopfbedeckungen. Und die fallenden Hüllen runden das Vergnügen ab.

«Mrs Henderson Presents» macht grossen Spass, weil der Film keinen Augenblick lang vorgibt, ein Tabu zu brechen – er dokumentiert vielmehr die Freuden und Tücken eines Tabubruchs und zeigt dabei ein ungleiches Paar auf einer moralischen Schlittenfahrt, die niemals enden darf: Die Show muss weitergehen.

Regie Stephen Frears
Darsteller Judi Dench, Bob Hoskins, Will Young, Christopher Guest, Kelly Reilly
Buch Martin Sherman
Kamera Andrew Dunn BSC
Produktion Grossbritannien 2005
Dauer 102 Min.
Genre Komödie
Offical Site http://www.mrshendersonpresentsmovie.co.uk/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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