Filmarchiv

Balzac et la petite tailleuse chinoise

Bildung im Verborgenen

Die franko-chinesische Koproduktion begegnet einem ernsten Thema mit Leichtigkeit.

Von Georges Wyrsch

DieseVerfilmung eines vor zwei Jahren erschienenen Bestsellers spielt im China der frühen Siebzigerjahre, ergo zur Zeit der proletarischen Kulturrevolution Mao Tse-Tungs. Aber dem Regisseur und Romanautor Dai Sijie geht es trotz diesem ernsten Hintergrund nicht in erster Linie um blutige Auseinandersetzungen mit der roten Garde.
Stattdessen erleben wir, wie zwei junge Männer bürgerlicher Herkunft in ein ländliches Umerziehungslager verwiesen werden, wo sie von ihrem intellektuellen Hintergrund Abstand nehmen und mit handwerklichen Arbeiten vertraut gemacht werden sollen. Neben dem strengen Alltag lernen die beiden dort jedoch auch die verbotene Literatur (den titelgebenden Balzac) und die Liebe kennen. Und so reihen sich im Aufgezwungenen einerseits und im Verbotenen andererseits mehrere Schlüsselerlebnisse aneinander, die unsere Protagonisten zu Männern machen werden.
Die französisch-chinesische Koproduktion gefällt mit grandiosen Bildern von atemberaubenden Landschaften und einer überraschend grosszügigen Prise Humor, auch wenn die Regie zeitweise etwas unbedarft erscheint und von Schauspielerführung nicht viel zu sehen ist. Vieles wirkt, als sei es unter grossem Zeitdruck gefilmt worden. Aber der fertige Film schafft es immerhin, stets sympathisch zu bleiben, und so tragen auch seine technischen Schwächen meist zum Charme des Ergebnisses bei.
Wobei sich über diese Leichtigkeit des Tons freilich streiten lässt. Die angeschnittenen Themen der Unterdrückung und der Zensur werden auf erstaunlich angenehme, ja schon fast verklärende Art verabreicht. Diese leidigen Umstände werden zwar erwähnt und am Rande auch gezeigt, aber vertiefen wollten Sijie und seine Drehbuchautorin Nadine Perront solche Aspekte anscheinend lieber nicht. Dementsprechend kann man dem Film zum Vorwurf machen, dass er die im selben Kontext begangenen Gräueltaten einfach links liegen lässt und zur Kulisse einer romantischen Komödie degradiert – oder aber im Gegenteil dafür plädieren, dass eine solche Auslassung den Glauben an das Gute im Menschen akzentuiert.
«Balzac et la petite tailleuse chinoise» ist trotz vielen eindringlichen Momenten eher von einlullendem denn aufweckendem Charakter. Aber auch dafür darf Kino schliesslich immer wieder mal gut sein.

Regie Dai Sijie
Darsteller Zhou Xun, Chen Kun, Lio Ye, Cong Zhijun
Buch Dai Sijie, Nadine Perront
Kamera Jean-Marie Dreujou
Produktion Frankreich, China 2001
Dauer 156 Min.
Genre Komödie, Drama
Offical Site http://www.bacfilms.com/site/balzac/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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