Filmarchiv

El hijo de la novia

Ein Mann in der grossen Krise

In dem warmherzigen, humorvollen argentinischen Film besinnt sich ein Mann in der Midlifekrise auf das, was im Leben wirklich zählt: die Menschen, die ihm nahe stehen.

Von Karin Müller

Der Film «El hijo de la novia» oder «Son of the Bride», wie der englische Titel lautet, wurde in Argentinien ein Überraschungserfolg. Juan José Campanella, Regisseur und Drehbuch-Koautor, erzählt darin eine Geschichte voller Melancholie und leisem Humor, eine Geschichte, die das Herz rührt und eine Oscarnomination in der Kategorie «bester ausländischer Film» einbrachte.
Rafael Belvedere (Ricardo Darín) ist 42 Jahre alt und steckt in einer Lebenskrise. Die Zeiten, in denen er sich, des Schutzes der Mutter gewiss, als Zorro über die anderen Kinder aufschwang, sind vorbei. Rafael reibt sich für das Restaurant auf, das er von seinen Eltern übernommen hat, plagt sich mit einem schlechten Gewissen, weil er seine Mutter Norma (Norma Aleandro), die an Alzheimer leidet, nicht öfter besucht, hadert aber zugleich mit ihr und sich, weil er glaubt, sie enttäuscht zu haben. Er hat Streit mit seiner Ex-Frau und vernachlässigt seine Tochter und seine Freundin. Zu allem Übel äussert Vater Nino (Héctor Alterio) auch noch den dringenden Wunsch, seine Frau endlich auch in der Kirche vor den Altar zu führen. Davon hält Rafael überhaupt nichts. Doch dann geschehen zwei Dinge, die Rafael zu denken geben: Zuerst taucht nach langen Jahren sein Jugendfreund Juan Carlos (Eduardo Blanco) wieder auf, und wenig später erleidet er einen Herzinfarkt.

Dialoge und Atmosphäre statt Action

«Son of the Bride» ist ein «altmodischer» Film, nicht nur was die Geschichte anbelangt, sondern auch was die Werte, die er vermittelt, betrifft. Er lebt von den Schauspielern, den Beziehungen der Figuren untereinander, den Dialogen und der Atmosphäre. Action gibt es keine, kaum eine Handlung. Dennoch gelingt es Campanella, die Spannung insgesamt über die ganzen zwei Stunden, die sein Werk dauert, aufrechtzuerhalten.
Rafael beginnt zu verstehen, dass nicht allein der geschäftliche Erfolg zählt, den er sich erarbeitet hat, sondern er merkt, wie viel ihm die Menschen, die ihn lieben, bedeuten. So macht er sich am Ende daran, seine Familie, die auseinander zu fallen droht, zurückzugewinnen. Der Film singt aber kein konservatives Loblied auf die Familie, wie man es von vielen Hollywoodproduktionen gewohnt ist, wo mit unreflektierten Gemeinplätzen und oberflächlichen Lippenbekenntnissen nicht gegeizt wird. Campanella verzichtet auf ein Happyend, das die Illusion eines ungetrübten, immer währenden Glücks vermitteln würde. Der Schluss zeigt jedoch einen viel versprechenden, hoffnungsfrohen Neuanfang, eine Momentaufnahme des Glücks, wie es vollkommen nur in kurzen Augenblicken aufflackert und etwa auf dem Hochzeitsfoto der Eltern im Lachen von Norma festgehalten wird.

Alle Rollen sind sorgfältig besetzt

Alle Figuren wirken echt und wurden von den Haupt- bis zu den Nebenrollen sorgfältig besetzt. Die argentinischen Altstars Norma Aleandro und Héctor Alterio spielten bereits 1985 in dem mit einem Oscar ausgezeichneten Film «La historia oficial» («The Official Story»), einer Abrechnung mit der argentinischen Militärdiktatur, ein Ehepaar. Ricardo Darín verkörpert den zwischen Selbstmitleid und Einsicht hin- und hergerissenen Rafael überzeugend und charmant. Und Eduardo Blanco, der komisch-traurige Freund, das Gegenstück zu Rafael, ist ebenfalls hervorragend.
«El hijo de la novia» ist Kino fürs Gemüt, ein warmherziges Werk, dem man die wenigen Pointen, die dann doch ein bisschen aufgesetzt wirken, und die kleinen Längen in der Handlung gerne verzeiht.

Regie Juan José Campanella
Darsteller Ricardo Darín, Héctor Alterio, Norma Aleandro, Eduardo Blanco
Buch Juan José Campanella, Fernando Castets
Kamera Daniel Shulman
Produktion Spanien, Argentinien 2001
Dauer 123 Min.
Genre Drama, Komödie

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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