Filmarchiv

Artemisia

Heilige malen und sündigen

Feministische oder romantische Heldin?

Von Karin Müller

1610 ist Artemisia (Valentina Cervi) siebzehn Jahre alt. Von ihrem Vater, dem bekannten Maler und Caravaggio-Schüler Orazio Gentileschi (Michel Serrault), lernte sie mit Pinsel und Farbe umgehen. Als junge Frau setzte sie sich bereits als leidenschaftliche Malerin mit beeindruckendem Talent durch. Artemisia Gentileschi gilt als erste Künstlerin von Bedeutung. Zwischen 1614 und 1620 arbeitete sie als anerkannte Malerin in Florenz. Leicht hatte sie es nicht gehabt, denn zu jener Zeit, durften Frauen nur unverfängliche, keusche Sujets malen und ganz gewiss keine männlichen Akte. Gerade solche Darstellungen wecken in Agnès Merlets Film «Artemisia» jedoch die Neugier der Heldin. Einerseits möchte sie dabei etwas lernen, um ihre Kunst weiterentwickeln zu können, andererseits ist sie in einem Alter, in dem sie beginnt, ihre eigene Sexualität zu entdecken.

Eines von Artemisias berühmtesten Bildern, die Tötung des Holofernes, in der Judith zusammen mit einer Magd den assyrischen Feldherrn enthauptet, beeindruckt durch die extrem realistische, äusserst blutige Darstellung, die stark vom hell-dunkel Stil Caravaggios beeinflusst ist. Die ungewöhnliche Ausdruckskraft des Gemäldes wurde jedoch weniger Artemisias Technik, als ihrer Vergewaltigung zugeschrieben. Der Täter, ihr Lehrmeister Agostino Tassi, wurde in einem aufsehenerregenden Prozess freigesprochen.

In den siebziger Jahren wurde Artemisia aufgrund ihrer Biographie als feministische Heldin beansprucht. Agnès Merlet versucht, diesen einseitigen Blick auf die Künstlerin aufzufächern. Es gelingt ihr aber nur bedingt, ein klischeefreies Porträt zu vermitteln. In ihrem geschmackvoll-sinnlichen Film spiegelt sich in der Person Artemisias stattdessen die romantische Heldin der neunziger Jahre.

Die Regisseurin stellt die Beziehung zwischen Artemisia und Tassi, ein Lebemann, der «tagsüber Heilige malt und nachts sündigt», als melodramatische Liebesgeschichte dar. Die Rolle des Vergewaltigers spielt die Gesellschaft. Das Gericht unterzieht Artemisia einer entwürdigenden Jungfräulichkeitskontrolle und zwingt sie zu einem Geständnis aufgrund dessen Tassi verurteilt wird.

Regie Agnès Merlet
Buch Patrick Amos, Agnès Merlet, Christine Miller
Kamera Benoît Delhomme
Musik Krishna Levy
Produktion F 1997
Dauer 98 Min.

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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