Filmarchiv

Hable con ella

Das doppelte Dornröschen

Mit seinem üblichen Wagemut traut sich Pedro Almodóvar, aus einem Tabuthema ein rührendes und menschliches Drama abzuleiten. Kontrovers, aber meisterlich.

Von Georges Wyrsch

Zwei Frauen liegen im Koma. Zwei Männer versuchen auf unterschiedliche Weise, mit ihnen zu kommunizieren. Es stellt sich die Frage, ob Liebe stärker ist als der Tod, oder eben doch umgekehrt? Die Wehrlosigkeit der stummen, liegenden Frauen löst in den beiden empfindlichen Männern unterschiedliche Phantasien und Ängste aus.
«Hable con ella» ist ein Film im wahrsten Sinne des Wortes – er spielt mit Projektionen, und er lässt diesen Projektionen freien Lauf. Was tut man mit einem leblosen Körper, der kommentarlos zuhört, der nach Pflege und Bemutterung verlangt und dabei eine schwer erklärbare Anziehungskraft entfaltet?
Ist der Bezug zu einer komatösen Person ein tiefer Wunsch zur Wiederbelebung eines Menschen, oder ist das schon vorgezogene Nekrophilie? Wann ist ein Dialog ein Dialog? Und wann ist ein Traum ein Traum?

Vom Provokateur zum Moralisten

Im Verlauf einer stets kühnen, aber im Überblick erstaunlich stringenten Filmographie hat sich Pedro Almodóvar längst den Ruhm einer lebenden Legende eingehandelt. Was in seinen frühen Werken noch oft den Beigeschmack von billiger Provokation hatte, entpuppt sich spätestens seit fünf Jahren als die ernsthafte Suche nach einer möglichst aufschürfenden und dennoch goutierbaren Umgangsform mit heiklen Themen.
Nach wie vor unterlässt es Almodóvar bewusst, moralischen und ethischen Fragen mit schlüsselfertigen Pauschalurteilen zu begegnen. Aber wo es ihm früher genügt hat, Gräben aufzureissen, ist er inzwischen mit viel Kitt unterwegs. Konsequent geht er Verhaltensweisen an, die man vorschnell als fragwürdig, illegal oder pervers ablegen möchte – und mehr denn je verleiht er ihnen eine menschliche Form.
Dabei versucht er aber nicht, abwegige Neigungen oder Handlungen blind zu legitimieren. Es geht ihm nicht um den Sinn oder den Unsinn eines Verbots, sondern um das Drama (oder die Komik) hinter dem Verbotenen oder dem Verpönten. Und natürlich um die Personen, die mit solchen Konflikten leben müssen.

Sanfter Umgang mit harten Themen

Bewundernswert an Alomodóvar ist neben seinem Mut vor allem, dass er seine düsteren Ansätze niemals in schwer verdauliches Themenkino verwandelt. «Hable con ella» ist nämlich auf der formalen Ebene ein reines Luxuspaket, in dem auch Koryphäen wie die deutsche Choreographin Pina Bausch und der brasilianische Sänger Caetano Veloso ihre Präsenz in Gastauftritten voll zur Geltung bringen können.
Farbintensive Breitleinwandbilder, ein meisterlicher Soundtrack, grossartige Dialoge und glaubwürdige Schauspieler (auf die ein stets gerechter Blick geworfen wird) machen aus diesem Film trotz dem beängstigenden Inhalt keine Nervenprobe, sondern eine bewegende Erfahrung zwischen Verlust und Wiedergeburt.
Gerührt, betroffen und unbändig diskussionsbereit verlässt man das Kino und stellt nebenbei auch noch fest, dass man bei aller Tragik erstaunlich oft und herzlich hat lachen können. Vom Understatement bis zur hanebüchenen (aber nie deplazierten) Übertreibung ist bei Almodóvar alles möglich – denn dieser Mann hat verstanden, dass sich ein Publikum nur mit freundlichem Geleit in die Abgründe des Lebens und des Todes getraut.

Regie Pedro Almodóvar
Darsteller Javier Cámara, Dario Grandinetti, Rosario Flores, Geraldine Chaplin
Buch Pedro Almodóvar
Kamera Javier Aguirresarobe
Produktion Spanien 2002
Dauer 116 Min.
Genre Drama
Offical Site http://www.sprichmitihr.de

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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