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Sexy Beast

Komm zurück, Panzerknacker!

Geniale Darsteller, subtile Charakterisierung und eine äusserst einfallsreiche Regie helfen dieser grimmigen Gaunerkomödie aus England über einige Längen hinweg.

Von Georges Wyrsch

Der ehemalige Einbruchspezialist Gal (Ray Winstone) fläzt auf der Terrasse seiner spanischen Hazienda an der prallen Sonne. Er schwitzt aus allen Poren und bewegt sich allerhöchstens, um sich einen Schluck Alkohol zu genehmigen oder sich einen Eisbeutel auf die gelbe Badehose zu legen. Zu dieser Szenerie erklingt der Pubrock-Klassiker «Peaches» von den Stranglers, die sich eine bessere visuelle Umsetzung ihres Hits von 1977 nicht hätten wünschen können. Alles stimmt, aber nicht mehr lange.
Gal, der sich nach einer langen Zeit hinter Gittern mit seiner Frau Deedee (Amanda Redman) an der Costa del Sol zur Ruhe gesetzt hat, wird alsbald von seiner Vergangenheit eingeholt. Seine ehemaligen Arbeitgeber brauchen ihn für einen weiteren Job, und es versteht sich von selbst, dass in diesen Kreisen nicht unbedingt höflich um eine Teilnahme gebeten wird. Mit Don Logan (Ben Kingsley) taucht ein psychotischer Killer aus Gals Vergangenheit auf, der ihn auf brutale Weise zur Mithilfe zwingt.

Huis Clos statt Rififi

An dieser Stelle beginnt der absichtlich holprige Film endgültig zu stocken. Man erwartet eigentlich, dass Gal nach einigen Einschüchterungen zusagt und dass sich der Rest der Geschichte um einen komplizierten Einbruch drehen wird. Aber dem ist nicht so: Gal bleibt stur mit seiner Absage, und das Klima auf der Hazienda verschlechtert sich im Minutentakt. Endlose Debatten und Handgreiflichkeiten bestimmen jetzt den Film – und das ist gut so.
«Sexy Beast» ist nämlich kein temporeicher Reisser, sondern eine perfide Charakterstudie und eine pechschwarze Komödie. Die beiden Drehbuchautoren lassen die Handlung gerne ausruhen, um die Figuren zu vertiefen oder das psychologische Potenzial einer Situation auszuloten. Und mit brillanten Schauspielern wie Ray Winstone und Ben Kingsley ist diese Wahl der Langsamkeit mehr als nur richtig.
Winstone spielt mit enigmatischem Understatement, wie man es etwa vom kürzlich verstorbenen Rod Steiger kannte, während Kingsley eine ungewohnt selbstironische Darbietung als Psychopath vom Stapel lässt. Zuweilen irritiert zwar Kingsleys eindeutig vom Theater geprägte Auffassung von Komik, aber gerade deshalb bleiben diese Szenen interessant. Es ist spannend, zwei vollkommen unterschiedlich ausgebildete Schauspieler interagieren zu sehen.

Flüche statt Bonmots

Aussergewöhnlich sind auch die Dialoge. Während sich bei David Mamet und Quentin Tarantino die Schurken oft als verkappte Rhetoriker entpuppen, die ihre Drohungen blumig formulieren und ihre Opfer mit einer lässigen Bemerkung ins Jenseits befördern, wird hier Klartext geredet. Die beiden Hauptfiguren möchten zwar coole Sprüche machen und originell argumentieren, aber dazu sind sie beide nicht wirklich in der Lage. Statt Shakespeare gibt es Dialoge wie «Ja!», «Nein!», «Doch!», «Sicher nicht!» und geflucht wird dabei, dass sich die Balken biegen.
Das klingt zwar dumm, aber es funktioniert – weil beide Darsteller es schaffen, die verbale Beschränktheit ihrer Figuren auf liebenswerte Weise umzusetzen. «Sexy Beast» ist nicht nur ein spannendes Vergnügen, sondern auch ein Kommentar zu den Grenzen der Kommunikation.

Regie Jonathan Glazer
Darsteller Ray Winstone, Ben Kingsley, Amanda Redman
Buch Louis Mellis, David Scinto
Kamera Ivan Bird
Produktion Grossbritannien 2000
Dauer 88 Min.
Genre Krimi, Komödie
Offical Site http://www.sexybeast-derfilm.de

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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