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Armageddon

Armageddon

«Zeig es dieser Eisenschlampe» Die Erde wird von imaginären Asteroiden bedroht ­ und von unnötigen Filmen wie «Deep Impact» und jetzt «Armageddon». Produzent Jerry Bruckheimer («Con Air») hat sich viel vorgenommen, wirkliche Spannung kommt bei diesem Acti

Von Benjamin Herzog

Er ist so gross wie Texas und rast mit 40'000 Kilometern pro Stunde auf die Erde zu. Ein Hobby-Astronom hat den Asteroiden entdeckt und benennt ihn auch gleich nach Dottie, seiner Ehefrau, einer «dreckigen Schlampe, vor der es kein Entrinnen gibt». Tatsächlich hat aber die NASA geschlampt, denn sie erfährt erst peinlich spät von der Existenz dieses Ungetüms. Glücklicherweise wissen die klugen NASA-Männer aber wie gross Texas ist und können auch berechnen, dass dieses texasgrosse Stück auf die Erde krachen wird, um alles Leben auszulöschen.

Schlimmes steht bevor. Doch ganz leise ahnen wir, dass am Ende doch alles gut ausgehen wird und sind somit auch schon beim Dilemma von «Armageddon». Denn die leise Ahnung eines möglichen Happy ends ist in Wahrheit eine Gewissheit, an der während geschlagenen zweieinhalb Stunden auch nicht die geringsten Zweifel aufkommen.

Verrückte Superhelden

Wozu also das ganze Drama? Um tief in die Computer-Trickkiste greifen zu können? Um ein weiteres Zeugnis davon abzulegen, dass Amerika in der Lage ist, die ganze Menschheit vor dem sicheren Untergang zu bewahren? Oder ist es 1998 einfach «hip», die Erde mit Asteroiden zu bedrohen?

Selbstverliebte Computertechnik, amerikanischer Patriotismus und Asteroidenfieber einmal beiseite gelassen ­ das Publikum will sich einfach unterhalten. Dazu aber muss der ziemlich magere Plot ­ Asteroid bedroht Erde, Superheld wird hochgeschickt, Katastrophe wird gebannt ­ doch etwas aufgespeckt werden. Deshalb hat Regisseur Michael Bay seinem Superstar eine verrückte Crew zur Seite gestellt.

Charaktere wie im Comic

Willis spielt den Ölbohrer Harry Stamper, dessen Talent, Löcher zu bohren, genutzt werden soll, um eine Atombombe 300 Meter tief in den Kometen zu versenken. Der Individualist, der am liebsten Golfbälle auf Greenpeace-Schiffe schlägt, macht zur Bedingung, sich seine eigenen Leute aussuchen zu können.

Von fast comichafter Plattheit sind Stampers Kumpels: Neben Spielernatur Chick (Will Patton) sind das unter anderen Steve Buscemi als geologisches Genie Rockhound, den ansonsten nur ein Thema interessiert: Frauen, und Ben Affleck als A.J. Frost. Der Jungstar darf sich in Grace (Liv Tyler), die Tochter seines Vorgesetzten, verlieben und ist mit einem draufgängerischen Bohrinstinkt ausgerüstet, der schliesslich die Mission zum Erfolg führt.

Männerphantasien

Fast eine Stunde quält man sich mit Stamper und seinen sogenannt «schrägen Vögeln» mit Weltraumtraining durch ödes Vorgeplänkel. Am Tag bevor die zwei Raumfähren losgeschickt werden, darf ein jeder noch einmal Abschied nehmen, sei es mit Kuscheln, unter Tränen oder im Puff. Dann geht's endlich los. «Freiheit» und «Unabhängigkeit», wie die beiden Raumfähren zu deutsch heissen, zischen zum Erdenkiller hinauf. Unterwegs explodiert beiläufig noch eine lotterige, russische Raumstation, die als Tankstelle diente. Auch diesbezüglich herrschen also klare Verhältnisse.

Und schliesslich bohrt Stamper seine Löcher. Man kommt nicht umhin, bei diesem Anblick an gewisse männliche Allmachtsphantasien zu denken, zumal das entsprechende Vokabular gleich mitgeliefert wird: «Zeig es dieser Eisenschlampe». Wirkliche Selbstironie bringt da nur Steve Buscemi auf, der, auf der Bombe reitend, beteuert, er habe schon immer mal wirkliche Kraft zwischen seinen Beinen fühlen wollen. Schliesslich wird «Dottie» mit viel Krach und einem vorhersehbaren Märtyrertod gesprengt ­ ganz so, als ob niemand mehr daran geglaubt hätte.

Regie Michael Bay
Buch Jonathan Hensley, J.J. Abrams
Kamera John Schwartzman
Musik Trevor Rabin
Produktion USA 1998
Dauer 144 Min.
Genre Action/SciFi

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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