Filmarchiv

Avalon

Das Spiel als Spiegel im Spiegel

Fünf Jahre nach seinem bahnbrechenden Anime «Ghost In the Shell» erobert Mamoru Oshii das von ihm mitgeprägte Cyber-Genre zurück – und erfindet es neu.

Von Georges Wyrsch

Virtuelle Welten, mit künstlicher Intelligenz gespiesene Videospiele und Cyberspace-Simulationen mit interaktiven Komponenten sind schon längst keine Angelegenheit der Zukunft mehr – und dementsprechend ist der herkömmliche Spielfilm auch nur noch eine von vielen Möglichkeiten, die Menschheit in eine fiktive Umgebung zu entführen und sie dort lebensecht träumen zu lassen. Die diesbezüglichen Systeme werden zunehmend perfider und gleichen sich der menschlichen Wahrnehmung immer mehr an – und so scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis sich die Grenze zwischen Animation und Illusion dem menschlichen Willen fügen muss.
In «Avalon» sind Realität und Cyber-Universum bereits sehr stark ineinander verwoben – aber keine von beiden Welten ist heil. In der realen Umgebung herrscht Armut, und in der künstlichen Welt herrscht Krieg. Dieser Krieg ist, wohlverstanden, ein Spiel, aber eines, das für die Spieler Karriere und Geld bedeutet – oder eben kostet. Regisseur Oshii filmt beide Paralleluniversen bewusst im gleichen, sepiavergilbten Schwarzweiss und sorgt damit für eine düstere Vision, wie wir sie seit Lars von Triers «Element of Crime» oder den schwarzen Stunden von Andrej Tarkovski kaum mehr gesehen haben.

Neu gesteckte Grenzen der Wirklichkeit

Der Nachfolger von «Ghost In the Shell» wurde in Polen gedreht, mit polnischen Schauspielern und auf polnisch gesprochen. Und dahinter steckt ausgerechnet ein Japaner, der sich bis jetzt ausschliesslich mit Animationsfilmen einen Namen gemacht hat. Mamoru Oshii hat für sein neues Werk ganz offensichtlich nach neuen Grenzen gesucht, und er hat sie gefunden. Indem er seinen bisher animierten Kosmos in die Hände von tatsächlich agierenden Schauspielern gibt, entsteht eine völlig neue Art von Verfremdung. Statt Cyberglanz herrscht auf beiden Seiten der Realität ein trostloses Umfeld, in dem eiserne, hierarchische Spielregeln zum einzig verbleibenden Modus operandi geworden sind. Umso schlimmer, dass sich ausgerechnet Menschen aus Fleisch und Blut in diesem Fegefeuer tummeln. Und ein Purgatorium ist dieses Spiel, denn das letzte Level des Games verspricht in der Tat den Einlass in das titelgebende «Avalon», in die ersehnte Ruhestätte der keltischen Krieger nach dem Tod im Gemetzel.

Unerwartete Rückkehr zur Anmut

Ohne konkrete Angaben zur komplexen Handlung zu machen, sei hier schnell gesagt, dass «Avalon» die Zuschauer bis zu dieser ultimativen Stufe führen wird. Nach einer langen Zeit, in der tricktechnisch hoch stehendes, aber bewusst repetitiv und monoton gehaltenes Geballer den Film dominiert, erfolgt eine Kehrtwendung zu einem Filmschluss, dessen poetische Kraft einer wahren Erlösung gleichkommt. Wie ein Phönix aus der Asche erhebt sich der anstrengende Kriegsstreifen und findet zu einer einfachen, aber ehrlichen Grazie – und zu einer interessanten Moral. Am Schluss, so scheint es, sind alle auf den Hund gekommen.
«Avalon» ist ein Film, der Folgen haben wird, auch wenn er kein breites Publikum findet. Denn Hollywood hat bereits sehr genau hingeschaut, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis die hier gezeigten Innovationen ihren Weg ins Mainstream-Kino geschafft haben werden. Wers dann bereits gewusst haben will, kann sich die Zukunft schon heute anschauen.

Regie Mamoru Oshii
Darsteller Malgorzata Foremniak, Wladyslaw Kowalski, Bartek Swiderski
Buch Katsunori Ito
Kamera Hiroyuki Hayashi
Produktion Japan, Polen 2001
Dauer 106 Min.
Genre Science Fiction

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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