Filmarchiv

Aprile

Berlusconi und der Konditor

Nanni Morettis italienisches Tagebuch

Von Brigitte Häring

bhä. Liebevoll aber auch sehr kritisch nimmt Nanni Moretti in seinem neusten Werk «Aprile» sein Land aufs Korn. Er, der typische intellektuelle Linke, filmt kritisch und nicht immer distanziert, nicht ohne eine gewisse Häme, Berlusconis Aufstieg und Fall. Parallel dazu erzählt der Film von der Schwierigkeit, Vater zu werden und zu sein.

«28. März '94. Bei meiner Mutter zu Hause sehe ich mir im Fernsehen die Resultate der Parlamentswahlen an. Die Rechten haben gewonnen. Ein Fernsehreporter verkündet den Sieg von Berlusconi, Besitzer von drei Fernsehsendern. Zum ersten Mal in meinem Leben rauche ich einen Joint.» So beginnt Nanni Moretti seinen Film über Sinn und Unsinn von Italiens Politik.

Er ­ Filmemacher aus Passion ­ reist sofort nach Mailand, um die grosse Demonstration am 25. April 1994 zu filmen. Sein grosser Plan ist es, ein Musical über einen Konditor zu drehen, für das er seinen Schauspielerfreund Silvio Orlando engagiert. Nach dem ersten Drehtag bricht er das Projekt allerdings ab.

Moretti erfäht, dass er Vater werden soll. Im Frühling '96 beginnt er an einem Filmprojekt zu den Wahlen und an seinem persönlichen Projekt, der Geburt seines Kindes, zu arbeiten. Weil er das gleichzeitig tut, vermischen sich die beiden Projekte ständig.

Nanni Morettis überaus unterhaltsamer Film bewegt sich trittsicher auf den verschiedenen Ebenen des Dokumentarfilms, der Politsatire, der Komödie und der Autobiographie.

Man merkt bald, dass der Mann vor der Kamera, der nie weiss, welches Filmprojekt er eigentlich nun verwirklichen soll, der einen furchtbaren Bäckerfilm drehen möchte, der seinem Sohn lauthals ein Lied von Jovanotti vorsingt, nicht genau der Mann ist, der hinter der Kamera die ganze Zeit über einen Film macht ­ den Film, den wir gerade geniessen.

Aber der Mann mit der Vespa, der den Wahlsieg der Linken mit dem Ausruf «Vier Kilo und zweihundert Gramm!» feiert, kann einem ganz schön ans Herz wachsen mit seinen so sonderbar rührenden Filmen.

Regie Nanni Moretti
Buch Nanni Moretti
Kamera Giuseppe Lanci
Produktion It/F 1998
Dauer 78 Min.
Genre Dokudrama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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