Filmarchiv

8 femmes

Der Dolch erspart den Mann im Haus

Ein Messer im Rücken sorgt in François Ozons meisterhaftem Verwirrspiel für fallende Masken und familiäre Mobilmachung. Aber wer ist bloss die Mörderin?

Von Georges Wyrsch

François Ozon, dieser Tage das gehätschelte Wunderkind des neuen französischen Kinos, war nicht immer ein gern gesehener Gast in der Filmszene. Sein Hang zur Provokation und zum übersteigerten Formalismus brachten ihm schnell den Vorwurf ein, er würde sich mit billigen Schocks profilieren wollen.
Aber die Zeiten ändern sich: Der Mann, der einst mit der Aufnahme einer (gefüllten) Kloschüssel mässiges Aufsehen erregte, liefert uns heute den wohl glamourösesten französischen Film des Jahres. Und – je nach Geschmack – wohl auch seinen bisher besten.

Stars, so weit das Auge reicht

Glamour verspricht allein schon die exorbitante, ausschliesslich weibliche Starbesetzung. Die Liste wird in der Tat kürzer, wenn man aufzählt, wer hier nicht mit dabei ist: Isabelle Adjani und Sophie Marceau. Ansonsten hat sich ein Grossaufmarsch der bestbezahlten Actricen des Hexagons für dieses musikalische Mörderspiel eingefunden: unter ihnen Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Fanny Ardant, Emmanuelle Béart und Danielle Darrieux. Und entgegen allen Gerüchten, die im Verlauf der Dreharbeiten durch die französische Boulevardpresse geisterten, schien den Diven die Zusammenarbeit grossen Spass gemacht zu haben. Kein Wunder, denn alle haben sie eine wunderbare Rolle auf den Leib geschrieben bekommen, wurden in bildhübsche Kostüme gesteckt und können sich in ihrer vollen Blüte zeigen. Mehr noch: Jede der acht Schauspielerinnen darf im Verlauf des Films einen französischen Schlager singen. Und überraschenderweise wirken diese Einlagen gar nicht aufgesetzt, sondern sie unterstützen die Leichtigkeit des Films mit voller Kraft.
Die Handlung beginnt wie ein Agatha-Christie-Krimi: Auf einem abgelegenen Landsitz wird der Mann des Hauses eines Morgens ermordet im Bett aufgefunden. Seine weibliche Entourage, bestehend aus Ehefrau, Schwiegermutter, Schwester, Schwägerin, Töchtern, Dienstmädchen und Köchin, muss bald feststellen: Die Mörderin muss eine unter ihnen gewesen sein. Mit den gegenseitigen Verdächtigungen kommen nach und nach verdeckte Wahrheiten ans Licht – alle Anwesenden lüften gezwungenermassen der Reihe nach ihre verschiedenen Geheimnisse, und bald liegt das Bild einer intakten Familie in Scherben am Boden. Kaum eine der Frauen ist in Wirklichkeit die Person, die sie zu sein vorgibt. Und wie es sich für ein klassisch gestricktes Whodunit gehört, wird der begangene Mord erst in den letzten Minuten des Films endgültig aufgeklärt; nachdem bereits alle Protagonistinnen einmal oder mehrmals als Täterin in Frage kamen.

Augenzwinkernde Verweise

Abgesehen davon, dass er sich in einem völlig neuen Genre versucht, erlaubt sich François Ozon auch zum ersten Mal, die Filmgeschichte nach Lust und Laune zu zitieren. Gleich die erste Einstellung des Films erinnert unübersehbar an das letzte Bild aus dem letzten Film von Alfred Hitchcock; sie spielt gekonnt auf die Schlusssequenz von «Family Plot» an. Und in diesem Stil geht es auch gleich weiter: Der Name jeder Schauspielerin wird im Vorspann mit einer Blume gezeigt, die deren Figur jeweils auf den Punkt bringt. Man denkt hierbei unweigerlich an den Vorspann von George Cukors «Women», wo alle Darstellerinnen ein Tier zugewiesen bekamen. Aber auch wer diese Referenzen nicht als solche erkennt, wird an «8 femmes» seinen oder ihren mörderischen Spass haben.

Regie François Ozon
Darsteller Catherine Deneuve, Fanny Ardant, Isabelle Huppert, Ludivine Sagnier u.v.a
Buch François Ozon, Marina de Van
Kamera Jeanne Lapoirie
Produktion Frankreich 2002
Dauer 105 Min.
Genre Krimikomödie, Musical
Offical Site http://www.8femmes-lefilm.com

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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