Filmarchiv

Elling

Zwei Senkrechtstarter ins Glück

Ein rührender norwegischer Wohlfühlfilm um zwei schräge Vögel auf der erfolgreichen Suche nach Normalität schlägt alle skandinavischen Kinorekorde.

Von Jana Ulmann

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein, die beiden Hauptfiguren im Film des norwegischen Regisseurs Petter Næss. Elling (Per Christian Ellefsen), aus dessen Perspektive uns die Geschichte erzählt wird, ist klein und verschüchtert und dennoch gewitzt und intelligent. Der Tod seiner Mutter hat ihn, der mit dem alltäglichen Leben seine liebe Mühe hat, völlig aus der Bahn geworfen. Kjell Bjarne (Sven Nordin) dagegen ist ein kräftiger Riese, aber manchmal benimmt er sich auch wie ein verletztes Kind mit Tobsuchtsanfällen. Er hat hauptsächlich zwei Dinge im Kopf: Essen und Sex. Sex hatte er noch nie, möchte er aber unbedingt endlich mal haben, und so lässt er sich von Elling – seinerseits ganz und gar unerfahren, was Frauen betrifft, wohlgemerkt – die süssesten erotischen Geschichten auftischen. Das bekommt dem Hunger und der Sehnsucht und fördert umgekehrt schon mal Ellings Erzähltalent zu Tage.

Das Leben in der so genannten Normalität

Elling und Kjell Bjarne haben sich in einer psychiatrischen Klinik als Zimmergenossen kennen gelernt und angefreundet, so erfährt man im Vorspann des Films. Die eigentliche Geschichte handelt davon, wie die beiden Freunde sich nach der Entlassung aus der abgeschlossenen Klinikwelt in der so genannten Normalität zurechtfinden. «Elling» handelt also von zwei schrägen Vögeln, die ihr Glück in der Gesellschaft versuchen. Eine Wohnung in Oslo, eine Rente und der Sozialarbeiter Frank Åsli (Jørgen Langhelle) sollen den beiden den Start erleichtern.
Die Symbiose der beiden Männer wird auf die Probe gestellt. Elling möchte sich in der Wohnung verkriechen, hat Angst vor Telefonaten und all dem, was da draussen auf ihn wartet, während Kjell Bjarne endlich die Bekanntschaft von Frauen schliessen will. Beide lernen, mit ihren Ängsten und Problemen umzugehen, und was im richtigen Leben seine Zeit brauchen würde, machen die beiden im Senkrechtstart.

Lachen über die eigenen Unzulänglichkeiten

Das sind Fortschritte mit Siebenmeilenstiefeln, ist eine Staffel ins wohlverdiente Glück. Klar, dass dabei die Begabungen der Männer endlich zum Ausdruck kommen und jeder so etwas wie seine Berufung findet: Kjell Bjarne outet sich als begabter Handwerker und Automechaniker, und Elling entwickelt sich zum gewitzten Wortschmied. Ihre Talente verschaffen ihnen schon bald die ersten Freunde: einen alten, belesenen Poeten (Per Christensen) und eine hochschwangere Alkoholikerin (Marit Pia Jacobsen).
Mehr als ein Fünftel aller Norweger soll sich den Film im Kino angeguckt haben: «Elling» ist sozusagen der skandinavische Blockbuster. «Elling» ist menschlich, rührend und erzählt einfach eine schöne Geschichte. Ein Wohlfühlfilm, ein Film, der einen ans Gute glauben lässt, der am Rand der Gesellschaft sich bewegende Menschen mitten ins Interesse rückt.
Endlich können wir im Kinosessel wieder mal über unsere eigenen Macken und psychischen Widerstände grinsen, uns Besserung verheissen lassen im allgemeinen Schlamassel des Alltags. Ein warmherziger Film für kalte Apriltage ohne Anspruch darauf, die knallharte Realität darzustellen. Ein Film, der dort mit Leichtigkeit aufwartet, wo man gewöhnlich auf nichts als Schwierigkeiten trifft, getragen von der Glaubwürdigkeit der beiden Hauptdarsteller. Elling und Kjell Bjarne kämpfen mit sich und der Welt: doch das Glück ist ihnen einfach wohlgesinnt. Sowas darfs ja auch mal geben.

Regie Petter Næss
Darsteller Per Christian Ellefsen, Sven Nordin, Per Christensen, Marit Pia Jacobsen
Buch Axel Hellstenius
Kamera Svein Krøvel
Produktion Norwegen 2001
Dauer 90 Minuten
Genre Komödie
Offical Site http://www.elling.nu/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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