Filmarchiv

Baran

Liebestaumel auf der Baustelle

Majid Majidi verpackt das Schicksal von afghanischen Flüchtlingen im Iran in eine bezaubernde Liebesgeschichte.

Von Georges Wyrsch

Der junge Iraner Lateef arbeitet als Handlanger auf einer Baustelle, die illegal eine grössere Anzahl Afghanen beschäftigt. Eines Tages wird mit Rahman ein weiterer Afghane eingestellt, der sich aber als äusserst schwächlich und ungeschickt erweist. Kurzerhand wird Rahman zum Handlanger degradiert und Lateef zum Bauarbeiter «befördert». Doch letzterer sieht sich um seinen ruhigeren und angenehmeren Job betrogen und beginnt alsbald, seine Wut ungehemmt an Rahman auszulassen.
Bis er eines Tages herausfindet, dass Rahman in Wirklichkeit eine Frau ist, die verzweifelt versucht, mit dieser harten Arbeit ihre Familie zu ernähren. Von da weg ist Lateef Feuer und Flamme für dieses selbstlose Geschöpf. Als Baran (denn so heisst Rahman in Wirklichkeit) den Bau wieder verlässt, entschliesst sich Lateef kurzerhand, ihr nachzureisen. Kein Geld und keine Anstrengung sind ihm zu viel, um Baran wiederzusehen.

Der Weg zur Reife

Aus dem unreifen und selbstgenügsamen Jüngling wird innert kürzester Zeit ein reifer Mensch, der die ganzen Probleme um sich herum zu begreifen beginnt – insbesondere dasjenige der afghanischen Flüchtlinge, welche weder im Iran noch im eigenen Heimatland eine Aussicht auf ein würdiges Leben haben.
Der iranische Regisseur Majid Majidi nimmt das Publikum auf behutsame Weise mit auf diesen Weg der Erkenntnis. Er zeigt Konflikte, ohne dabei zwischen Gut und Böse zu unterscheiden; er zeigt direkte Gefühle, ohne ihnen Werte zu unterstellen. Oft kommt dabei auch ein gutmütiger und stiller Humor zum Vorschein. Majidi ist ein Meister des Understatements, er vermittelt sein Weltbild ohne Dogmatik, aber mit einem klaren Blick auf die schönen und die hässlichen Seiten des Lebens.
Seine unkomplizierten Einstellungen sprechen für sich, und oft genügen dazu einfachste Gegenstände: ein gekneteter Brotteig, eine gerührte Zementmasse, eine Haarnadel, eine Pfütze. Und immer wieder sind da die Gesichter der beiden jungen Hauptdarsteller, in denen sich die gegensätzlichen Schicksale und die unausgesprochenen Sehnsüchte widerspiegeln. Und im Hintergrund liegt die sorgfältig gefilmte Baustelle, die nicht nur den Rahmen der Geschichte liefert, sondern auch das Bild selbst immer wieder in unterschiedlichste Rahmen teilt. Solch handwerkliches Können überzeugt vollends, und man darf auf Majidis Arbeiten nach dem 11. September gespannt sein.

Von karger Schönheit

«Baran» ist einer der schönsten und ehrlichsten Liebesfilme der letzten Zeit, und was er über das Leiden des afghanischen Volkes zu sagen hat, ist heute aktueller denn je. Trotz der ernsten Sache erzählt Majidi aber mit viel Leichtigkeit und ohne aufdringliches Lamento. Hiermit unterscheidet er sich angenehm vom zurzeit ebenfalls im Kino gezeigten «Kandahar» seines Landsmannes Mohsen Makhmalbaf, welcher thematisch viel einseitiger und formal undisziplinierter vorging. Während es Makhmalbaf nicht lassen konnte, seine Kamera vor, hinter und unter den Burkas zu positionieren, bleibt Majidi in dieser Sache anständig und schon fast neutral: Er lässt seine Burka zum Schluss des Films ganz einfach über das Gesicht der Hauptdarstellerin fallen, so wie man einen Vorhang nach einer Vorstellung fallen lässt. Was für ein ergreifender Abschied.

Regie Majid Majidi
Darsteller Hossein Abedini, Zarah Bahrami, Mohammad Reza Naji
Buch Majid Majidi, Fouad Nahas
Kamera Mohammad Davudi
Produktion Iran 2000
Dauer 94 Min.
Genre Drama
Offical Site http://baran.cinemajidi.com/

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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