Filmarchiv

Escape to Paradies

Wenn wahre Geschichten unglaubwürdig sind

"Escape to Paradise" / Der Film des Schweizers Nino Jacusso erzählt die Geschichte einer kurdischen Familie auf der Odyssee zum ersehnten Asyl.

Von Brigitte Häring

Ausländer, Asyl, Asylmissbrauch sind Wörter, die in der politischen Schweiz in aller Munde sind. Uns fremd aussehende Familien leben mehr neben als mit der Schweizer Bevölkerung. Selten macht man sich wohl Gedanken, dass sich hinter diesen Begriffen Menschen mit Schicksalen verstecken, Menschen, die eine Geschichte zu erzählen haben, eine einfache und bittere Geschichte.
Regisseur Nino Jacusso hat mit seinem Film "Escape to Paradise" (official site)eine solche Geschichte zu erzählen - eigentlich nicht er, sondern seine Darsteller. Nicht Schauspieler sind es, die die Rollen in dieser Geschichte übernehmen, es sind Menschen, die solche Geschichten selber erlebt haben, die erst seit einiger Zeit in der Schweiz leben und mit ihrer Darstellung aus dem Leben schöpfen können. Es sind wahre Begebenheiten, die mit Betroffenen gemeinsam zu einer Geschichte verwoben wurden, die in einer Tragikomödie münden. Ein "Real Acting Movie" nennt Jacusso seinen Film, an dem Menschen aus acht verschiedenen Kulturen mitgewirkt haben.
Körperliche wie auch seelische Narben
Dass die Geschichte der Familie von Sehmuz (Düzgün Ayhan) und seiner Frau Delal (Fidan Firat) nicht nur als Abrechnung mit der Schweizer Asylpolitik erzählt wird, sondern durchaus auch komödiantische Züge trägt, ist eine der Qualitäten dieses Filmes. Vielleicht gerade deswegen macht dieser Film auf subtile Weise nicht nur betroffen, sondern auch neugierig auf die Schicksale "fremder" Menschen in der Schweiz.
Sehmuz ist ein Kurde, der - einmal mehr nach Folterungen aus einem türkischen Gefängnis entlassen - genug hat. Er kann die psychische und körperliche Qual nicht mehr ertragen. Seine Familie reist in der Folge in die Schweiz, wo sie nach einem kurzen Aufenthalt im Auffangheim in ein Asylheim in Solothurn kommt. Menschen leben dort, deren Narben, die sie sich eines Abends unter einigem Gelächter im Aufenthaltsraum zeigen, nicht nur körperlicher Natur sind. Und dennoch können diese Menschen ihrem Alltag auch lustige, schöne und unterhaltsame Momente abgewinnen.
Der Alltag der Familie mit den drei Kindern Zelal (Hasred Yeniyol), Baran (Onur Vurucu) und Berivan (Gizem Ayhan) ist fortan geprägt vom Warten auf die Anhörung bei der Asylbehörde, wo Sehmuz seine Geschichte erzählen soll. Doch sein Vetter Aziz (Nurettin Yldiz), schon länger in der Schweiz, behauptet, die wahren Geschichten seien nicht gut genug für die Schweizer Behörden. So muss Sehmuz Geld auftreiben, um sich bei einem so genannten Geschichtenerzähler (Walo Lüönds letzte Rolle) eine plausible Geschichte mit allen erforderlichen Dokumenten zu kaufen. Nur noch auswendig zu lernen braucht er sie, was dem vom Leben gezeichneten Mann schwer fällt und die intelligente Tochter zuweilen auf die Palme bringt.
Parallele zu den "Schweizermachern"
Schliesslich ist Aziz der erste, der seine gekaufte Geschichte erzählt, und gespannt warten alle auf den Bescheid. Einiges hat sich verändert seit Rolf Lyssys Film "Schweizermacher" (1978), doch ist eine Parallele durchaus beabsichtigt, taucht doch neben Walo Lüönd auch Emil Steinberger als mürrischer Abwart kurz auf. "Escape to Paradise" ist ein spannender Beitrag zu einem Aspekt "schweizerischen" Alltags, wie er den meisten wohl weniger bekannt ist, wie er aber überall, mit und vor allem neben uns, stattfindet.

Regie Nino Jacusso
Buch Nino Jacusso
Kamera Daniel Leippert
Musik BP P, Pedro Haldemann, Ben Jeger
Produktion CH 2001
Dauer 90 Min.
Genre Dokudrama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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