Filmarchiv

A.I. - Artificial Intelligence

Sehnen sich Roboter nach Mutterliebe?

Steven Spielbergs Geschichte von einem Kind-Roboter, der auszog, die Liebe seiner Mutter zu gewinnen.

Von Patrick Bürgler

Es war einmal ein kleiner Junge, der aber nicht aus Fleisch und Blut war wie alle anderen Kinder. Darunter litt er ganz schrecklich. Deshalb zog er aus, die gute Fee zu finden, die aus ihm ein richtiges Menschenkind machen würde. Der kleine Junge hiess – nein, nicht Pinocchio, sondern David.
David ist die neueste Entwicklung der Cybertronics Manufacturing. Wir befinden uns in einer Welt, in der Paare nur Kinder zeugen dürfen, wenn sie in der staatlichen Lotterie das grosse Fortpflanzungslos gewinnen. Cybertronics sieht deshalb in David ein grosses Marktpotenzial – er ist ein Novum: der erste Roboter, der lieben kann. Ideal für die vielen kinderlosen Paare.

Mutterliebe bindet den beseelten Roboter

Nur – welche Verantwortung übernehmen wir Menschen, wenn wir bis anhin gefühllosen Maschinen quasi eine Seele einhauchen? Eine grosse ethische Frage, die gleich zu Beginn von Steven Spielbergs «A.I. – Artificial Intelligence» gestellt wird. Es war wohl auch die Problematik, die den verstorbenen Regisseur Stanley Kubrick fasziniert hat. Er kaufte vor über 20 Jahren die Filmrechte an der Kurzgeschichte, auf der «A.I.» basiert. Jahrzehntelang beschäftigte er sich immer wieder mit der Filmidee, konnte sich aber nie dazu durchringen, den Film zu realisieren. Schliesslich übergab er «A.I.» an Spielberg mit der Begründung, er sei besser geeignet, die Geschichte auf die Leinwand zu bringen. Kubrick hat sich vielleicht getäuscht. Steven Spielberg, der zum ersten Mal seit «Close Encounters» wieder selber das Drehbuch schrieb, erlag seinem Hang zum Märchenerzählen.
Die Geschichte beginnt bei Monica (Frances O’Connor) und Henry (Sam Robards). Cybertronics stellt ihnen den Prototypen des neuen Kinder-Roboters zur Verfügung. David (Haley Joel Osment) soll dem Ehepaar Ersatz sein für den eigenen Sohn, der tiefgefroren darauf wartet, dass seine tödliche Krankheit geheilt werden kann. Monica muss erst einige Zweifel überwinden, bevor sie die Zauberworte spricht, die den Roboter in ewiger Liebe an seine Mutter binden.
Doch die Idylle dauert nicht lange. Monicas Sohn kehrt geheilt zurück, David wird zum Störfaktor und soll zur Entsorgung zurück in die Fabrik. Das bringt Monica dann doch nicht übers Herz. Sie setzt den irritierten Kind-Roboter im Wald aus.
Für David beginnt eine Odyssee durch optisch opulent inszenierte Landschaften und Städte, immer auf der Suche nach der blauen Fee. Sie kennt er aus dem Märchen Pinocchio, und sie soll auch aus ihm einen richtigen Buben machen, damit seine Mami ihn lieb hat. Erst ganz am Schluss und Hunderte von Jahren später ist ihm das dann für einen kurzen Moment vergönnt. Es soll der grosse emotionale Höhepunkt des Films sein, der seine Wirkung aber verfehlt.

Die Vorspiegelung falscher Gefühle

Letztlich ist und bleibt David ein Roboter. Haley Joel Osment bringt diesen kleinen Unterschied zwischen Mensch und Maschine perfekt auf die Leinwand. Vielleicht zu perfekt, denn so verlangt der Film von den Zuschauern, Mitgefühl mit einer Maschine zu entwickeln. Daran zeigt sich auch, dass die vermeintlich so tiefgründige Problematik des Films gar keine ist. Roboter können nicht fühlen – Punkt. Sie können höchstens Gefühle vorspielen, so dass wir Menschen der Illusion erliegen, ein beseeltes Wesen vor uns zu haben.
An der falschen Prämisse krankt der ganze Film, der eigentlich das Potenzial zum Meisterwerk besässe. Er ist perfekt inszeniert, hervorragend besetzt und vor allem filmisch fantastisch umgesetzt, dennoch hinterlässt er nach über 140 Minuten nur ein seltsames Gefühl der Leere.

Regie Steven Spielberg
Buch Steven Spielberg
Kamera Janusz Kaminski
Musik John Williams
Produktion USA 2000
Dauer 143 Min.
Genre SciFi/Fantasy

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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