Filmarchiv

Everyone Says I Love You

Mit Schnurrbart in die Lieblingsstädte

Hommage an das klassische Musical

Woody Allen drehte eine beschwingte, musikalische Komödie in dem sich die Mitglieder einer «upper class»-Familie damit beschäftigen ihr Liebesleben in den Griff zu bekommen.

Woody Allen hat mit «Everyone Says I Love You» eine musikalische Komödie gedreht. Stars wie Goldie Hawn, Julia Roberts, Alan Alda und natürlich der Regisseur persönlich singen um die Wette, abwechslungsweise in New York, Paris und Venedig, in Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Einen belangloseren Film hat Woody Allen nie gedreht – trotzdem ein heiteres, luftig-charmantes Kinovergnügen.

«Everyone Says I Love You» begleitet eine wohlhabende, amerikanische Familie durch die vier Jahreszeiten und führt sie an die romantischsten Schauplätze für Liebespaare. Sie können es sich schliesslich leisten zwischen New York, Paris und Venedig zu pendeln. Die Familienmitglieder sind alle so hoffnungslos neurotisch wie sie reich sind und ihr Liebesleben gestaltet sich äusserst kompliziert. Die Geschichte wird vom Teenager Djuna (Natasha Lyonne), kurz DJ genannt, erzählt. Sie stellt uns ihre Mutter Steffi (Goldie Hawn), ihren Stiefvater Bob (Alan Alda) und ihre Halbgeschwister Scott (Lukas Haas), Skylar (Drew Barrymore) sowie Lane und Laura und ihren richtigen Vater Joe (Woody Allen) vor.

Keine perfekten Sänger

Woody Allens neuer Film ist eine Hommage an das klassische Hollywood-Musical. Nicht vergebens trägt Joe den Nachnamen Berlin, nach dem amerikanischen Musical-Komponisten Irving Berlin, der uns in den Vierziger- und Fünfzigerjahren mit so unvergesslichen Schnulzen wie «Annie Get Your Gun» oder «White Christmas» beglückte. «Everyone Says I Love You» ist aber gleichzeitig auch eine Hommage an die Städte New York und Paris oder an die Marx Brothers. Die Geschichte setzt sich zusammen aus Klischees und witzigen Einfällen, ist aber weniger ironisch als geschmackvoll und komisch. So geben einerseits unter den frühlingshaft blühenden Alleen New Yorks Skylar und ihr Verlobter Holden ein Liebesduett zum Besten, an der nächtlichen Seine vor der erleuchteten Notre Dame flirtet Steffi mit ihrem Ex-Ehemann Joe und entlang der romantischen Kanäle Venedigs finden sich Joe und Von (Julia Roberts). Ausgelassen gesungen und getanzt wird anderseits aber auch an eher ungewöhnlichen Orten: beim Juwelier oder im Krankenhaus etwa. An der Weihnachtsparty tritt ein Groucho Marx-Ballett auf.

Er habe einen Film gemacht, in dem die Figuren als Ausweitung ihres Spiels in gewissen Momenten singen, sagt der Regisseur und fügt vorsorglich bei, sie täten dies nicht als perfekte Sänger. Der schlechteste Sänger ist dabei er selber. Sein Auftritt als Sängerknabe wirkt sogar fast ein wenig peinlich, ist aber glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Allen arbeitet in «Everyone Says I Love You» übrigens mit bereits existierenden Musikstücken.

Bescheidene Ansprüche

Der Film lebt vor allem von einigen sehr gelungenen Szenen – der Geistertanz, mit dem der eben verstorbene Opa seinen Verwandten im Beerdigungsinstitut nahelegt, das Leben zu geniessen ist eine der schönsten – und von den Schauspielern. Eine umwerfende Vorstellung gibt Tim Roth als ehemaliger Sträfling. Mutter Steffi mit dem sozialen Tick lädt den bösen Buben ans Familienfest, wo er prompt Tochter Skylar verführt, die ihm gesteht, dass sie noch nie zuvor einen Soziopathen geküsst habe. Als Nachspiel wird sie später in eine Verfolgungsjagd verwickelt, die an alte Stummfilme erinnert.

Szene mit Schnurrbart

Woody Allen wollte einen Film drehen, «der in meinen drei Lieblingsstädten spielt». Weiter gesteht der «Stadtneurotiker»: «Und vor allem wollte ich eine Szene spielen, in der ich einen Schnurrbart trage». Was soll man dazu schon sagen... Gemäss seinen bescheidenen Ansprüchen, die er im übrigen erfüllt hat, ist denn auch das Ergebnis ausgefallen. «Everyone Says I Love You» ist keiner von Woody Allens besten Filmen, aber durchaus unterhaltsam und amüsant, was für einen entspannenden Kinoabend ja auch längstens ausreicht.

Regie Woody Allen
Buch Woody Allen
Kamera Carlo Di Palma
Musik Dick Hyman
Produktion USA 1996
Dauer 101 Min.
Genre Musical / Komödie

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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