Filmarchiv

grosse Gefühle

Krisenexperimente und Beziehungskisten

Die "Grossen Gefühle" von Herr und Frau Schweizer

Von Jana Ulmann

Schon in Christof Schertenleibs Erstling "Liebe Lügen" ging es um die Suche nach Lebens- und Liebeskonzepten. Auch in "Grosse Gefühle" lässt er die Figuren auf der Suche nach dem Glück zwischen Lust und Frust hin- und hertaumeln.

Die Geschichte beginnt mit Linus (Stefan Suske) und Christa (Anne Weber). Linus und Christa sind eigentlich ein Paar. Aber so einfach ist das nicht. Linus ist in Wien bei seiner Ex-Frau Ewa (Karin Kienzer) und seinem Sohn zu Besuch. Ewa will jetzt endlich die Scheidung. Christa ist bei ihrem Lover André (André Jung) im Jura. André hat Gripppe und er liebt Christa. Aber Christa ist polygam. Und deshalb ist da auch noch Linus. Und Linus, Linus ist monogam. Sagt er wenigstens. Aber als die hübsche Ka (Delia Mayer) im Zug von Wien nach Zürich seine Wege kreuzt ist der Ärger, den er eben mit seiner Frau in Wien gehabt hat, schnell vergessen, und die Monogamie auch.

Kompliziertes Beziehungsgeflecht

Dieser Film eröffnet in den ersten paar Minuten ein kompliziertes Beziehungsgeflecht. Damit keine lange Zeit für das Exponieren und Einführen der Figuren verbraucht werden muss, hilft Schertenleib sich mit einem kleinen dramaturgischen Kniff ab. Die Einführung der Figuren erfolgt über Fussnoten. Schertenleibs filmische Darstellung der Fussnote ist ein Film-Still, der mit einer Sprechblase versehen wird. So erfährt der Zuschauer durch eine Fussnote nebenbei, während Christa Andrés störrische Ziega melkt, dass sie Soziologin und Expertin für künstliche Krisen ist. André dafür, so erklärt die Fussnote, ist Alt-68er. Genau gleich werden auch die anderen Figuren, die sich da mit ihren "Grossen Gefühlen" abmühen eingeführt. Franz (Markus Wolff) ist Buchhändler, Arbeitskollege von Linus und wartet auf die Märchenprinzessin. Sybil (Manuela Bidermann) ist ebenfalls Buchhändlerin. Auch sie glaubt an die grosse romantische Liebe. Ausserdem ist Sybil die Ex-Geliebte von Linus und lebt mit Christa in der Wohnung oben an Linus. Die Figuren sind so angelegt, dass die Kinoszuschauer noch vor den Figuren im Film zukünftige Geschichten und Verbindungen ahnen können.

Leider Langeweile

Das inszenierte Beziehungsgeflecht sorgt für Dynamik und ist mit den Fussnoten witzig organisiert. Leider wird das Potential, das in der Idee steckt, reichlich wenig ausgenützt. Denn, dass Linus die Pasta Rezepte für die Versöhnungsessen mit Christa Betty Bossys "Italienisch Kochen", ohne ISBN-Nummer, entnimmt ist weder so relevant noch so witzig, dass es dafür eine Fussnote bräuchte. Im Gegenteil, solche Missgriffe produzieren Langeweile, und das kann sich der Film trotz kunberbuntem Beziehungschaos nicht leisten. Zu lange und zu eintönige Dialoge (vor allem zwischen Franz und Sybil) lassen ausserdem Ungeduld aufkommen. Immer wieder mal stockt es mit der Spritzigkeit, was wohl nicht nur am Drehbuch sondern manchmal auch an den Schauspielern liegt.

Kokettieren mit der Schweiz

Mit bernischer Gemütlichkeit beäugt die Kamera Christa im Auto beim Mitsingen. "I schänke dir mis härz" läuft ab Andrés eigens für seine Liebste aufgenommener Kassette im Autoradio. Andrés Kassette und der Soundtrack des Films präsentieren Best of Switzerland. Auch ansonsten geht es irgendwie verschroben schweizerisch zu in "Grosse Gefühle". Dabei sind es viele Einzelheiten jenseits der Schweizer Milchschokolade als Wetteinsatz, die am Schluss dafür sorgen, dass man das Gefühl hat, der Film sie durch und durch schweizerisch. Schertenleib kennt seine Pappenheimer offensichtlich und er ist ein sorgfältiger und kokettierender Beobachter des schweizerischen Alltags.

Weil Linus und Christa am Schluss ihren Job verlieren stellt das Leben plötzlich andere Fragen an die beiden. Linus ist nämlich Österreicher und Christa Deutsche. Vielleicht wäre ja das beste überhaupt, der Ausweg auch aus dem Monogamie-Polygamie-Disput, das Heiraten? Schertenleibs Zweitling ist manchmal fad, streckenweise einschläfernd aber auch immer wieder fesselnd, charmant, versponnen und witzig.

Regie Christof Schertenleib

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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