Filmarchiv

Gripsholm

Schatten über dem Lustschloss

Eine Collage aus dem Bestseller "Schloss Gripsholm" und der Biographie Tucholskys, die nur bedingt aufgeht.

Von Brigitte Häring

"Eine kleine Sommergeschichte" versprach Kurt Tucholsky seinem Verleger Ernst Rowohlt im Sommer 1931. "Schloss Gripsholm", liebliche Novelle mit erotischen und sozialkritischen Einschlägen, zählt wohl zu den meist gelesenen Büchern der neueren deutschen Literatur. Xavier Koller ("Reise der Hoffnung") setzte die Geschichte um, würzte sie mit biographischen und zeitgeschichtlichen Zutaten und präsentiert nun den Film "Gripsholm" Ergebnis ist eine Vermischung von fiktiver Erzählung und interpretierender Biographie, eine leicht erzählte Liebesgeschichte, die zugleich die ganze Bedrohung des beginnenden Nationalsozialismus mitträgt.

Das Publikum wird Schwierigkeiten haben, die dargestellte Figur vom Journalisten, Essayisten und Schriftsteller Tucholsky abgrenzen zu können. Dies kann auch nicht in dessen Sinn sein, schreibt er doch an seinen Verleger: "Sie wissen, wie sehr es mir widerstrebt, die Öffentlichkeit mit meinem persönlichen Kram zu behelligen." Nun ist "Gripsholm" das zeitgenössische, weichgezeichnete Porträt eines Schriftstellers geworden, an dessen Ende wie der drohende Mahnfinger wieder einmal das Hakenkreuz (persifliert in einer Varieténummer) steht.

Gut gewählt und ein Gewinn für den Film sind die Darsteller. Heike Makatsch, die Tucholskys Freundin Lydia mimt, spielt virtuos mit allen Registern von Gefühlsdarstellungen. Herrlich lasziv-erotisch, burschikos und frech ist Jasmin Tabatabais Interpretation der Billie, Lydias Freundin und Varietésängerin. Und Ulrich Noethen ist ein sehr melancholischer Kurt Tucholsky, der allerdings auch verschmitzt und verspielt sein kann.

Lydia erzählt die Geschichte des letzten unbeschwerten Sommers, über dem jedoch bereits die drohenden Schatten des Kommenden hängen. Es wird gegessen, geliebt, gestritten und nebenbei noch ein armes Kind aus einem Ferienheim gerettet. Kollers Collage macht ein wenig den Eindruck einer Psychologisierung Tucholskys und bleibt in bekannten Klischees verhaftet: Der sich mehr und mehr in sich zurückziehende, verzweifelnde Schriftsteller wirkt ebenso stereotyp wie die immer wieder in Zeitlupe eingeblendete Szene eines jüdischen Mädchens, das aus dem Varieté geworfen wird.

Regie Xavier Koller
Buch Xavier Koller (nach dem Roman von Kurt Tucholsky)
Kamera Pio Corradi
Musik Kol Simcha
Produktion D/CH/A 2000
Dauer 100 Min.
Genre Drama/Romance

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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