Filmarchiv

Female perversions

Seidenschal und Rasierklinge

«Female perversions»: nicht nur für Frauen

Von Benjamin Herzog

Unter weiblichen Perversionen vermuten wir SM-Praktiken in düsteren Kellern. Weit gefehlt. Die Existenz der Frau, das ihr auferlegte Rollenspiel ist pervers.

Entschlossen stürmt Eve das Büro ihres Freundes. Aus einer Tüte packt sie Gänseleber und Champagner und knallt beides auf den Tisch. Während John noch in einer telefonischen Verhandlung steckt, entledigt sich Eve ihres Kostüms: sie will John verführen jetzt und hier ­ und wird abgewiesen. Aus ihrer Erinnerung tauchen Bilder auf: Sie sieht wie ein Mann, er liest gerade die Zeitung, eine sich ihm anbietende Frau wegstösst. Der Mann ist Eves Vater, die Frau ihre Mutter. Eve (Tilda Swinton, «Orlando») und ihre Schwester Madelyn (Amy Madigan) leiden unter dem Trauma der Zurückweisung. Wie sie es zu bewältigen versuchen, ist ganz verschieden.

Madelyn, die verschrobene Intellektuelle, hat sich in die kalifornische Wüste zurückgezogen und bereitet sich gerade für die Abschlussprüfung an der Universität vor. Aus Eve ist eine Karrierefrau geworden. Sie ist Anwältin und auf dem Weg zu einem Posten als Richterin. In einer von Männern dominierten Umgebung versucht sie, soviel Unabhängigkeit wie möglich zu erreichen. Doch der berufliche Erfolg kann sie auf längere Zeit nicht über ihre eigenen Unsicherheiten hinwegtäuschen. Und immer wieder hat sie diesen Traum: Über schwarzem Abgrund balanciert sie auf einem Seil. Das Seil ist gleichzeitig eine Fessel, die sich um ihren Leib schnürt. An der Fessel zieht jemand hinter einer antiken Königsmaske. Sie fällt, doch die Hand eines Mannes zieht sie empor.

Unsicherheit, Selbstzweifel, Angst vor Zurückweisung, das sind Ursachen für «weibliche Perversionen»: Eve verfällt in einen Kaufrausch, um sich für eine erfolgreiche Verhandlung zu belohnen. Madelyn versucht fehlende Zuneigung mit dem Klauen von Seidenfoulards zu kompensieren. Edwina, ein pubertierendes Kind, das bei Madelyn wohnt, möchte lieber Ed genannt werden. Ed ritzt sich mit Rasierklingen die Beine auf und zerschneidet ihre blutbefleckten Kleider. Sie sträubt sich dagegen, eine Frau zu werden.

Susan Streitfelds «Female Perversions» wird von seltsamen Frauen bevölkert. Nicht nur hat jede von ihnen ihre persönliche Manie, sie spielen alle auch eine Rolle: «Frauen benutzen Geschlechtsstereotypen, um die Wünsche und Sehnsüchte auszudrücken, die ihnen verboten sind, und in eben diesen Stereotypen normaler Weiblichkeit werden wir die Perversionen entdecken.» So lautet eine dem Film zugrunde liegende These von Louise J. Kaplan, Autorin des Buches «Female Perversions: The Temptations of Emma Bovary».

Susan Streitfeld fährt auf zwei Gleisen: Was kann ein unverarbeitetes Trauma für Auswirkungen haben auf das Leben zweier völlig verschiedener Frauen. Und wie zwingt unsere Gesellschaft die Frauen dazu, Rollen zu spielen ­ als coole Businessfrau, als Intellektuellenschrulle, als dominierende Bodybuilderin oder als Püppchen.

Von Eve wird eine Rolle erwartet. Das wird besonders deutlich, als sie mit dem Gouverneur das entscheidende Gespräch über ihre Ernennung zur Richterin führen muss. Schon verunsichert, weil sie nicht das für diese Gelegenheit ausgesuchte Kostüm anhat, wird sie beinahe völlig aus der Bahn geworfen, als sie gefragt wird, warum eine so schöne Frau wie sie eigentlich noch nicht verheiratet sei.

Tilda Swinton ist die perfekte Wahl für die Person der Eve. Sie kann ganz kühle Geschäftsfrau sein und gleichzeitig unglaublich zerbrechlich wirken. Wenn Eve ihren Traum zum letzten Mal träumt, stehen auf der einen Seite des Seiles eine mexikanische Stammesfürstin, auf der anderen Ed/Edwina ­ die beiden Pole der Weiblichkeit. Für Eve besteht der Ausweg aus ihrem Rollenspiel jedoch nicht darin, sich einem dieser beiden Pole zu nähern. Nein, Eve springt ab und wird zu sich selber finden. Zu sich als Person und nicht als Frau.

Regie Susan Streitfeld
Buch Julie Hebert, Susan Streitfeld
Kamera Teresa Medina
Musik Debbie Wiseman
Produktion USA 1996
Dauer 114 Min.

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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