Filmarchiv

Felicia's Journey

Netter Herr mit dunklem Geheimnis

In Atom Egoyans Film über ein ungleiches Paar prallen Unschuld und Perversion aufeinander: sehenswert vor allem wegen der beiden Hauptdarsteller Elaine Cassidy und Bob Hoskins.

Von Karin Müller

Mister Hilditch (Bob Hoskins) scheint ein liebenswürdiger, alleinstehender älterer Herr zu sein und erst noch ein Geniesser, denn mit viel Umsicht und persönlichem Einsatz betreut er die grosse Werksküche, der er vorsteht, und ebenso sorgfältig bereitet er zu Hause seine eigenen Mahlzeiten zu. Felicia (Elaine Cassidy) hingegen wirkt unsicher und ein wenig verdächtig. Die junge Frau kommt mit der Fähre von Irland nach England. Als einziges Gepäck trägt sie einen kleinen Rucksack bei sich. Am Zoll kann sie keine Papiere vorweisen und in Birmingham kennt sie niemanden. Auf der Suche nach einem jungen Mann, der in einer Rasenmäher-Fabrik arbeiten soll, irrt Felicia durch das Industrieviertel und trifft den netten Hilditch, der seine Hilfe anbietet.

Dass aber mit Hilditch etwas nicht stimmt und warum Felicia ihr Heimatdorf verlassen hat, rollt Regisseur Atom Egoyan («The Sweet Hereafter») nach und nach in Schlüsselszenen und Rückblicken auf, die er wie ein Puzzle zu einer Geschichte über menschliche Abgründe zusammensetzt. Die Zuschauer sehen, wie der einsame Hilditch Abend für Abend gleich einem religiösen Ritual nach alten Videoaufnahmen die Rezepte seiner Mutter, einer ehemaligen Fernsehköchin, nachkocht. Sie erfahren ausserdem, dass die schwangere Felicia von ihrem Geliebten Johnny Lysaght (Peter McDonald) verlassen wurde. Sie hat nichts mehr von ihm gehört und auch seine Adresse kennt sie nicht, trotzdem versucht sie, ihn zu finden.

Eher spannender Krimi als Psychogramm

Hinter der Harmlosigkeit Hilditchs verbirgt sich ein schreckliches Geheimnis. Felicias Glaube an das Gute im Menschen wird erschüttert. Je näher die beiden zusammenrücken, weil sie einander brauchen, desto deutlicher werden Hilditchs eigentliche Absichten. Je mehr Felicias Hoffnung auf eine glückliche Wiedervereinigung mit Johnny schwindet, umso stärker liefert sie sich ihrem «Wohltäter» aus. In «Felicia's Journey» (official site) prallen Unschuld und Perversion aufeinander. Dieser Gegensatz wird auch durch die Schauplätze der Handlung illustriert: Felicia stammt aus einem kleinen Dorf im ländlichen Irland. Sie kommt in die Grossstadt Birmingham, einen Ort industrieller Entfremdung.

Atom Egoyan schafft eine beklemmende Stimmung, die sich vor allem im Kontrast von Hilditchs zuvorkommender Freundlichkeit und seinem zwanghaften Verhalten äussert. Seine dunkle Seite kommt in der erdrückenden Atmosphäre seines düsteren, im Stil der Fünfzigerjahre eingerichteten Hauses zum Vorschein. Dennoch ist «Felicia's Journey» eher ein spannender Krimi als das tiefgründige Psychogramm eines Mörders, der nicht unsympathisch ist. Erzählt wird im Grunde genommen die Geschichte zweier altmodischer, der Tradition verpflichteter und in der Vergangenheit verhafteter Menschen, die nicht so recht in die heutige Welt passen wollen und deshalb auch nur schwer in ihr zurechtkommen.

Andeutungen statt ausführliche Erklärungen

Der Film gibt immer nur Teilchen des Ganzen preis, und das erst noch meistens aus der Perspektive seiner Hauptfiguren, und er verzichtet darauf, ihre Handlungsweise mehr als nur andeutungsweise zu erklären. Neben dieser raffinierten Erzähltechnik, bei der immer ein Rest von Unsicherheit zurückbleibt und die dem Zuschauer genügend Raum für eigene Interpretationen offenlässt, sind es jedoch vor allem die beiden Hauptdarsteller, die «Felicia's Journey» sehenswert machen: Bob Hoskins als nach aussen hin unscheinbarer, wohlerzogener, aber auch ein wenig verklemmter und verschrobener Junggeselle mittleren Alters und Elaine Cassidy als unverdorbene Provinzschönheit, die eine ungeheure Blauäugigkeit und gleichzeitig mutige Entschlossenheit an den Tag legt.

Regie Atom Egoyan
Buch Atom Egoyan
Kamera Paul Sarossy
Musik Mychael Danna
Produktion Kan/GB 1999
Dauer 116 Min.
Genre Thriller/Krimi

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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