Filmarchiv

Face/Off

Ein Paar wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde

«Face/Off»: Wie aus dem Gesicht geschnitten

Von Christoph Rácz

Im Film «Face/Off» von John Woo, der für seine actiongeladenen und durchkomponierten Hongkonger Kung Fu-Streifen bekannt und angesehen ist, brillieren die Stars John Travolta und Nicolas Cage in einer «Doppelrolle».

Nach «Hard Target» und «Broken Arrow» hat der hongkongstämmige Action-Regisseur John Woo eine weitere Grossproduktion für Hollywood abgedreht. «Face/Off» (official site) schwelgt in zeitlupengedehnten, liebevoll choreographierten, pyrotechnisch illuminierten Kampfszenen.Mit einem wohlgezielten Schuss soll Agent Sean Archer (John Travolta) aus dem Leben befördert werden. Der Schuss durchschlägt Archer ­ und trifft auch seinen fünfjährigen Buben. Der Vater überlebt, der Sohn stirbt. Seit diesem unheilvollen Tag jagt Archer besessen den Urheber des Anschlags, den US-Terroristen Nr. 1, Castor Troy (Nicolas Cage.)

Sechs Jahre später findet die Jagd in einem Flugplatzhangar scheinbar ihr Ende, als nach blutigem Gemetzel zwischen dem FBI und den Terroristen ein Turbinenstrahl Troy gegen eine Wand geschmettert hat. Sean, der sich in seiner besessenen Verfolgung von Frau Eve (Joan Allen) und Tochter Jamie (Dominique Swain) immer mehr entfremdete, wähnt sich endlich zurück im «normalen» Leben. Doch von Castors Bruder Pollux(!) erfahren die Gesetzeshüter von einer Bombe, die Los Angeles vernichten soll. Und Archer tritt seinen schwersten Gang an: Mit dem im Koma liegenden Mörder seines Sohnes muss er mittels laserchirurgischer Künste das Gesicht tauschen und im Hochsicherheitsgefängnis «Erehwon» aus Pollux den Standort der Bombe heraushorchen.

Das Unfassbare geschieht: Castor erwacht aus dem Koma, kann sich mit Hilfe seiner Komplizen Archers Gesicht beschaffen und alle Mitwisser beseitigen. Mit diesem Coup lässt Regisseur John Woo seinen Helden in einer aussichtslosen Cliffhanger-Situation zurück. Doch dass Archer in der Gestalt seines Feindes aus dem futuristischen Hochsicherheitsgefängnis ausbrechen kann, ist ohne Frage. Auch mit Castors Gesicht bleibt Archer der politisch korrekte FBI-Agent. Die Darstellung des Wachpersonals als Haufen sadistischer Schläger hat Hollywood-Tradition und trotz des blutigen Ausbruchs bleibt somit kein moralischer Fleck an der Weste des Helden, zumal er die Dreckarbeit andern überlassen kann.

In den Actionszenen schwelgt Woo in ungehemmter Effektverliebtheit in üppigen, teils symbolschwangeren Tableaus und in endlos zeitlupengedehnten Kampfszenen. Die ballettartige Choreographie, für die der ehemalige Regisseur hochgelobter Kung Fu-Streifen berühmt ist, zelebriert Woo hier mit Genuss und verleiht damit seinem Film bei aller Gewalttätigkeit und Bluthaltigkeit etwas Entrücktes. Sein Spiel mit dem Grauen ist zudem meist geschmackvoll inszeniert, kokettiert mehr mit dem Anblick blutigen Fleisches, als es uns unter die Nase zu halten. In einem irrwitzigen (Vor-)Finale, situiert in einer kleinen taubenumschwärmten Friedhofskapelle, treibt Woo dann auch das Showdown-Prinzip des Western ad absurdum.

Die Geschichte der in ihrer Verbissenheit so verwandten Feinde erinnert an Dr. Jekyll und Mr. Hyde, nur dass sich hier Gut und Böse in zwei getrennten Körpern gegenüber stehen. Diese wechselnden Charaktere verkörpern John Travolta und Nicolas Cage mit schauspielerischer Brillanz. Ob als gefühlloser, psychopathischer Terrorist, der in seiner Gier nach allem erreichbaren reihenweise über Leichen geht, oder ob als verbissener FBI-Agent, im Grunde seines Herzens aber liebevoller Familienvater: Cage und Travolta füllen ihre Doppelfiguren in jedem Moment glaubwürdig aus.

Dennoch ist «Face/Off» vor allem ein üppiges, mit zweieinhalb Stunden doch etwas lang geratenes Action-Ballett, das mit der wundersamen Wiedervereinigung der Familie ­ die als Zweck die Mittel des Vaters heiligt ­ einen rückwärtsgewandten und reichlich pathetischen Schluss findet.

Regie John Woo
Buch Mike Werb, Michael Colleary
Kamera Oliver Wood
Musik Steven Kemper, Christian A. Wagner
Produktion John Powell
Dauer 138 Min.
Genre Thriller/Action

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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