Filmarchiv

Marius et Jeannette

Ein Hinterhof-Märchen
Robert Guediguians «Marius et Jeannette»

Trotz kritischer Töne am herrschenden System und an gewissen politischen Strömungen strahlt diese Hommage an Marseilles Stadtteil Estaque und die Solidarität seiner Bewohner vor allem leidenschaftliche Lebensfreude aus.

Von Brigitte Häring

Auch wenn nicht alles zum Besten steht im Marseiller Quartier Estaque ­ die Sonne scheint immer. «O sole mio» wird gesummt, gesungen, als Kassette verschenkt und als Filmsoundtrack gespielt. Die Bewohner des Hafenquartiers gehören nicht zu denen, die die Sonnenseiten des Lebens gesehen haben. Es sind arme Arbeiter oder Arbeitslose, politisch desillusionierte Linke, die auch schon mal Le Pen wählen, um vielleicht eine Veränderung herbeizuzaubern. Es sind Männer, die streikmüde sind und Frauen, die einem Vertreter für vierhundert Francs Unterwäsche abkaufen, um dem schnöden Alltag im Hinterhof zu entfliehen. Aber diese Menschen haben eine wundervolle Gabe: Sie können reden, streiten, diskutieren und lachen, mit dem typisch mediterranen Charme.

Eine turbulente Welt

Jeannette (Ariane Ascaride), alleinerziehende Mutter zweier Kinder, Magali und Malek, lebt zusammen mit ihren Nachbarn Dédé, Monique, Caroline und Justin um einen kleinen gemeinsamen Innenhof. Die Häuschen sind heruntergekommen. Jeannette beschliesst, auf einem stillgelegten Fabrikgelände zwei Eimer Farbe zu stehlen, um ihre Wohnung zu streichen. Doch der Wachmann Marius (Gérard Maylan) erwischt sie und will ihren Ausweis sehen. Zu allem Unglück verliert sie am selben Tag noch ihre Stelle als Kassierin, weil sie ihrem Frust um die entgangene Farbe in einem lauten Streit mit dem Chef Ausdruck verleiht.

Am nächsten Tag jedoch steht Marius vor der Tür ­ mit zwei Eimern Farbe und dem Angebot, ihr beim Streichen zu helfen. Eine wunderschöne Liebesgeschichte nimmt damit ihren Anfang, deren Zauber sich auch die anderen Hausbewohner nicht entziehen können ­ die kleine Welt steht Kopf.

Zarte Poesie

Die kleinen und grossen Geschichten der Figuren um Jeannette und Marius werden frech, mit Tempo, aber auch mit einer grossen Portion zarter Poesie und viel Wortwitz erzählt. So etwa die Geschichte von Dédé und Monique, die sich dauernd streiten, weil Dédé einmal Front National gewählt hat. Bis er eines Tages, als er betrunken ein Le Pen-Plakat mit Steinen bewirft, vom Abprall eines solchen getroffen wird und ins Spital muss. Oder die Odyssee von Jeannettes ehemaligem Chef, der selber entlassen wird, weil er die Firmenkasse klaut und nun als Unterhosenverkäufer oder Kellner immer wieder Jeannettes Weg kreuzt.

Im kleinen Hof herrscht Frühling und die Protagonisten streiten, tanzen, essen, lieben zu Vivaldis Jahreszeiten, Strausswalzern und Pavarotti-Gesängen ­ bis eines Tages Marius nicht mehr kommt. «Il n'a plus assez de musique dans son coeur pour danser la vie», wie Julien vermutet. Doch die Geschichte wäre zu realistisch und bedrückend, wenn auch hier nicht Abhilfe geschafft würde, um das Glück der kleinen Leute zu vervollständigen.

Alternde Prinzessin

Robert Guediguians Film «Marius et Jeannette» ist ein Märchen. Es ist die Utopie einer Gruppe Nachbarn, die sich trotz Sticheleien gern haben und zusammenhalten. Es ist das Märchen einer alternden Prinzessin, die ihren Traumprinzen nach zwei Enttäuschungen doch noch findet. Schliesslich ist Guediguians Geschichte auch eine wunderbare Hommage an Marseilles Stadtteil Estaque und an die Solidarität, den Esprit und die Lebensfreude seiner Bewohner.

Die Figuren sind so voller Kraft, Witz und Leidenschaft, dass dieser Film, trotz politischer Kritik am ungerechten System, als fröhlicher Film, in dem das Lachen eine Lieblingsbeschäftigung der Protagonisten ist, in Erinnerung bleibt.

Regie Robert Guédiguian
Buch Robert Guédiguian, Jean-Louis Milesi
Kamera Bernard Cavalié
Musik Jacques Menichetti, Jean-Louis Milesi
Produktion F 1996
Dauer 102 Min.

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.

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