Filmarchiv

Anna Karenina

Uninspiriertes Kostümdrama

Sophie Marceau in einer gescheiterten Klassikerverfilmung Mit der Rolle der leidenschaftlichen Anna Karenina tritt Sophie Marceau in die Fussstapfen so berühmter Vorgängerinnen wie Greta Garbo und Vivian Leigh. Dass die neuste Auflage von Tolstois Roman

Von Karin Müller

Leo Tolstois epischer Roman «Anna Karenina» erzählt eine jener Geschichten, die versprechen, erfolgreiche Filme zu werden. Die unglückliche Liebe zwischen einer frustrierten Ehefrau und einem schneidigen Offizier inspirierte Hollywood denn auch vom ersten Augenblick an. Als bekannteste und gelungenste Verfilmung gilt nach wie vor diejenige mit Greta Garbo aus dem Jahre 1935. Eine amerikanische Produktion von Studiomogul David O. Selznik unter der Regie von Clarence Brown. Aber auch sie war bereits das Remake eines Stummfilms, ebenfalls schon mit der «göttlichen Garbo» in der Hauptrolle.

Die Verfilmung des Literaturklassikers diente ausserdem als Vehikel für weibliche Stars. Nach Greta Garbo übernahm in der Verfilmung von 1948 ? diesmal eine englische Produktion von Alexander Korda unter der Regie von Julien Duvivier ? Vivian Leigh («Gone With the Wind») die Titelrolle der tragischen Heldin. Und in der neusten, von Mel Gibsons Firma ICON produzierten Ausgabe unter der Regie von Bernhard Rose («Ludwig van B.») versucht sich Sophie Marceau als Anna Karenina. An Originalschauplätzen in Russland ist dieser 25 Millionen Franken teure US-Streifen entstanden und er beeindrucke durch «Ausstattung und perfektes Set», betonen die Macher. Damit haben sie durchaus recht. Für den Soundtrack des ehrgeizigen Grossprojekts wurde sogar Sir Georg Solti engagiert, der die St. Petersburger Philharmoniker dirigiert. Allerdings garantieren eine opulente Ausstattung und ein perfektes Set noch lange keinen spannenden, wirklich anrührenden Film. Und so ist die jüngste «Anna Karenina»-Verfilmung, soviel sei gleich vorausgeschickt, eine uninspirierte Routinearbeit geworden.

Anna Karenina, Mutter und verheiratet mit dem um Jahre älteren Alexej Karenin (James Fox), lässt sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit dem jungen Offizier Wronskij (Sean Bean) ein. Wider alle gesellschaftlichen Konventionen verlässt sie Ehemann und Sohn, um mit ihrem Geliebten nach Italien zu reisen. Die Sehnsucht Annas nach dem kleinen Serjoscha und das Verlangen Wronskijs nach einer Beschäftigung, bringen die beiden jedoch bald wieder nach Russland zurück. Die Beziehung des in wilder Ehe zusammenlebenden Paares hält den moralischen Vorurteilen einer vor allem was das Leben einer Frau betrifft heuchlerischen, sich gegen Aussen streng nach traditionellen Werten richtenden Gesellschaft nicht stand. Anna sieht nur einen Ausweg: Sie wirft sich vor einen Zug.

Gerade diese Szene bleibt als eine der stärksten aus der Verfilmung mit Greta Garbo in Erinnerung. Die widersprüchlichen Emotionen, mit denen Anna kämpft spiegeln sich im Licht des sich nähernden Zuges auf dem Gesicht einer verzweifelten Frau. Sophie Marceau schreit und weint im Verlauf der Handlung zwar ausgiebig, vermag aber von ihrer Anna Karenina trotzdem kein anrührendes Bild zu vermitteln. Das liegt vielmehr an der Inszenierung als an ihrem Spiel. Es wurde immerhin versucht, der Handlung psychologische Tiefe zu geben, indem Anna der grübelnde, nach dem Sinn des Lebens suchende Landedelmann Lewin (Alfred Molina) ? Tolstois alter ego ? gegenübergestellt wird. Die innere Verbindung zwischen den beiden bleibt allerdings zu wenig einsichtig und Lewin als Person zu oberflächlich dargestellt.

Störend wirken zudem die in einigen Szenen auftretende, klischeehaft-melancholische Folklore und die nach keinem einsehbaren Muster angewandten, pseudo-authentischen, russischen Dialoge.

Regie Bernard Rose
Buch Bernard Rose
Kamera Daryn Okada
Produktion USA 1997
Dauer 108 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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