Filmarchiv

Aal, der (Unagi)

Liebe und Verzeihen, Eifersucht und Tod

Shohei Imamuras «Unagi» (Der Aal): Acht Jahre lässt sich der japanische Regisseur Shohei Imamura Zeit für seinen neuen Spielfilm und gewinnt damit am diesjährigen Jubiläums-Filmfestival von Cannes prompt noch einmal eine Goldene Palme. «Unagi» (Der Aal)

Von Christoph Rácz

Takuro Yamashita (Koji Yakusho) ist ein begeisterter Angler. Oft kehrt er am Wochenende aus dem Büro ins Idyll der Vorstadtsiedlung heim, wo seine hübsche junge Frau schon ein Lunchpaket bereithält und ihm vor seinem nächtlichen Ausflug noch den Kragen richtet. Doch an diesem Tag ist alles überschattet. Ein anonymer Brief weckt Eifersucht in Takuro. Er lässt seine Freunde allein am Wasser und kehrt unerwartet früher nach Hause zurück. Er sieht überdeutlich, was er befürchtete, greift zum Messer, verletzt den Liebhaber und ersticht seine Frau. Als er die Besinnung wiedererlangt, ist es zu spät. Ihm bleibt nur noch, sich mit blutgetränkter Jacke auf der Polizeiwache zu stellen.

Mit diesem verstörenden Prolog beginnt Shohei Imamura die Geschichte von der Menschwerdung eines liebesunfähigen Mannes. Damit traf der heute 71jährige japanische Regisseur zum dritten Mal den Nerv der Jury in Cannes. 1983 erhielt er für «Narayama bushiko» (Die Ballade von Narayama; auch bekannt als «Merry Christmas, Mr. Lawrence») die Goldene Palme. «Kuroi name» (Schwarzer Regen) gewann 1989 immerhin den «prix technique». Und am diesjährigen 50. Festival hat ihm «Unagi» (Der Aal) erneut die Goldene Palme eingebracht.

Acht Jahre hat sich Imamura Zeit gelassen, um «Unagi» zu drehen ­ und Imamura nimmt sich auch Zeit beim Erzählen der Geschichte, an dessen Drehbuch nach einer Erzählung von Akira Yoshimura er auch mitgearbeitet hat. Dennoch scheint keine Einstellung zu lang, keine Szene überflüssig in diesem farbigen, überraschend humorvollen Film.

Ein Aal als Gefährte

Die eigentliche Handlung setzt «acht Jahre später» ein, mit Takuros Entlassung auf Bewährung. Vom Gefängnisalltag bekommen wir nur das mit, was sich in seinem Kopf angesammelt hat und nun sein Verhalten steuert. Wenn er seinem Bewährungshelfer, dem Shinto-Priester Nakajima (Mitsuko Baisho) noch ganz im Geist des Gefängnisdrills mit einigen Schritten Abstand folgt oder sich zwanghaft einer Gruppe im Gleichschritt vorbeirennender Soldaten anhängt, dann ist schon fast alles über die Nutzlosigkeit von Takuros achtjähriger Haft für seine innere Läuterung gesagt.

Aus dem Gefängnis bringt er einen Aal mit, den er pflegte und dem er seine Gedanken anvertraut. Er ist ihm Stütze in seinem Entschluss, keine emotionalen Bindungen mehr zu einer Frau einzugehen. Die Angst vor Enttäuschung, die Furcht, noch einmal durchzudrehen, sind zu gross ­ denn noch immer verwechselt Takuro Liebe und Besitz. Doch kaum hat er sich in seinem Quartier am Kanal eingerichtet, tritt auf unerwartete Weise Keiko (Misa Shimizu) in sein Leben. Langsam und geduldig nähert sie sich ihm an und hilft ihm aus dem Bannbereich der bösen Tat hinaus.

Typisierte Figuren

Eine märchenhafte Erzählung, die Imamura hier ausbreitet. Märchenhaft in der Farbigkeit der Bilder ­ Blumen, Lichtspiele und fast unwirklich schönes Sommerwetter scheinen alle auf Takuro einzustürmen in der Absicht, ihn endlich das Leben annehmen zu lassen. Auch die witzig gezeichneten Nachbarn scheinen in ihrer Typisierung irgendeiner alten Legende entsprungen. Die Rolle des bösen Geistes nimmt der Müllfahrer Takasaki (Akiro Emoto) ein. Er, der ebenfalls seine Frau umgebracht hat und bloss heuchlerisch und demonstrativ Sühne übt, sucht nun Takuro moralisch zu zerstören. Ein Wermutstropfen aber bleibt: die traditionelle, fast schon mütterliche Rolle, mit der Keiko ihre Liebe zeigt.

Imamura entschuldigt in seinem Film nichts. Im Gegenteil konfrontiert uns seine gezielt voyeuristische Kamera unmittelbar mit Takuros Schuld. Aber der Regisseur zeichnet ein kraftvolles Plädoyer fürs Verzeihen und die Chance auf einen Neubeginn. Christoph Rácz

Regie Shohei Imamura
Buch Motofumi Tomikawa, Daisuke Tengan, Shohei Imamura
Kamera Shigeru Komatsubara
Musik Shinichiro Ikebe
Produktion Jap 1997
Dauer 117 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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