Filmarchiv

Eyes Wide Shut

Das gierige Auge hinter der Maske

«Eyes Wide Shut»: Stanley Kubricks letzter Paukenschlag

Nina Stössinger

Zwölf Jahre lang hat die Kinowelt auf diesen Film gewartet. Und es hat sich gelohnt: «Eyes Wide Shut» ist ein grosser Film und krönender Schlusspunkt des Schaffens von Stanley Kubrick geworden, der kurz nach der Fertigstellung verstorben ist.

«Der Reiz der Ehe ist, dass sie den Betrug für beide Seiten zu einer Notwendigkeit macht», sagt ein galanter Ungar zu Alice Harford (Nicole Kidman) und führt sie zum Tanz. Derweil schäkert Ehemann Bill (Tom Cruise) mit zwei verführerischen Fräuleins, die ihn «ans Ende des Regenbogens» führen wollen. Am Oberklassen-Ball keimt (Abenteuer-)Lust auf, die es in der abgeklärten Ehe nicht mehr gibt, vielleicht nie gab. Sie anzusprechen, wagt Alice später mit einem Joint in der Hand. Und ihr Mann flüchtet in die zwielichtige Nacht New Yorks zu einer Hure und zu einer unglücklichen Frau, die ihn am Totenbett ihres Vaters verführen will.

Angst vor sich selbst

Es ist nicht primär Eifersucht, die Bill forttreibt, sondern vielmehr die Angst vor dem Zusammenbrechen seiner geordneten Welt, in die eine fraglos treue Frau gehört und in der die grössten Überraschungen unter künstlichen Weihnachtsbäumen liegen. Es ist auch die Angst vor den Abgründen in sich selbst und vor der Lust, weil die so viel in Frage stellt. Tom Cruise zeigt diese Angst nur sehr bedingt. Er scheint so endgültig in der Rolle des schönen, erfolgreichen Typs gefangen zu sein, dass er beim Aufbrechen dieser Fassade bemüht und unbeholfen wirkt.

Was Bill schliesslich zu sehen bekommt, irgendwo in einem Haus, das Innenräume hat wie ein orientalischer Tempel, ist die völlige Umkehrung seiner Welt: eine betäubende Mischung aus Maskenball, Kultritual und Sex-Orgie. Bills Neugier, Erregung und Verunsicherung spiegeln sich in seinen Augen, die aus der starren Maske blicken. Und als er endlich heimkehrt, schreckt seine Frau aus dem Schlaf auf und erzählt unter Tränen einen erotischen Traum. Beide Ehepartner haben beim Sex zugesehen, ohne daran teilzuhaben.

Der Zwang zum Hinsehen

«Eyes Wide Shut» (official site) erzählt in dichten, eindringlichen Bildern von der Angst vor der Lust und vom Zwang zum Voyeurismus, zum Hinsehen, ohne selbst gesehen zu werden. Damit sind auch wir gemeint, die wir uns solche Geschichten im Kino ansehen. Und Bills Maske und Verkleidung bei der Orgie spiegeln sich darin, wie Alice und er ihre Individualität hinter Kleidung, Beruf, sozialem Status verbergen. Getarnt kann sich das Auge laben – an Orgien, Brüsten, Drogentoten.

Der Voyeurismus, die Tarnung – das sind Themen, um die Kubricks ganzes Schaffen kreiste. Ebenso die Bedrohung einer künstlichen Ordnung durch Triebhaftes und die Unfähigkeit, durch Sprache an den Kern der Dinge zu reichen. Diese Themenkreise verdichten und verdeutlichen sich in «Eyes Wide Shut»; und obwohl sich der Film eng an Arthur Schnitzlers «Traumnovelle» anlehnt, ist er die Krönung von Kubricks Gesamtwerk geworden, der Paukenschlag zum Schluss.

Auch formal atmet Kubricks Stil, verdichtet, gesteigert und gereift, aus jeder Einstellung: unnachgiebig lange Einstellungen; stetige, unausweichliche Kamerafahrten; beengende Korridore; die gnadenlose zweigeteilte Dramaturgie; die tragende Rolle der Musik.

Weiblichkeit als Alternative

«Eyes Wide Shut» ist Kubricks persönlichster Film und sein nachsichtigster gegenüber den Menschen (der Bürgerlichkeit). Denn obschon Bill und Alice die Augen gefährlich weit aufsperren, können sie sich wieder abwenden und daraus lernen. Die Perspektive, die ihnen am Ende offen steht, hatte noch kein Kubrickscher Charakter vor Augen: Es ist die Verbindung von Ehe und Sex, Gewohnheit und Lust, Stabilität und Abenteuer. Letztlich also muss der galante Ungar nicht Recht behalten und mit ihm auch nicht der frühere Kubrick.

«Eyes Wide Shut» ist auch Kubricks «weiblichster» Film. Auf männlichen Chauvinismus hat der Regisseur schon viele kritische Blicke geworfen; neu ist die Akzeptanz der Frau als starker und eher positiv besetzter Gegenpart. Die hoffnungsvolle Perspektive, die sich am Ende vor Bill durch seine Frau auftut, und das eine Wort, das sie ausspricht, bedeuten die einzige Rettung für die beinahe erkaltete Ehe: «fuck».

Regie Stanley Kubrick
Buch Stanley Kubrick
Kamera Larry Smith
Musik Jocelyn Pook
Produktion USA 1999
Dauer 159 Min.
Genre Drama/Romance

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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