Filmarchiv

F. est un salaud

Hundespiele statt Partnerschaft

Von Brigitte Häring

70er Jahre. Der Ruf nach intensivem Leben, nach Freiheit. Und die Sehnsucht nach Liebe, nach Gefühl. Ein Schüler verliebt sich in einen Rocksänger und erlebt eine Beziehung, die bald sadomasochistische Züge annimmt. Marcel Gisler hat Martin Franks schweizerdeutsches Kultbuch «Ter Fögi isch e Souhung» in ein bedrückendes Filmportrait umgesetzt.

Zürich, 1973. Fögi (Fréderic Andrau) ist Sänger und Bandleader der «Minks». Beni (Vincent Branchet), 16jähriger Schüler, ist Fögis grösster Fan. Als er als Rowdy die Band nach Basel begleiten darf, verliebt er sich in Fögi, der all das verkörpert, was er in einem kleinbürgerlichen Zuhause nicht ausleben kann. In rebellischer Jim-Morrison-Manier singt Fögi von der Liebe und von der Freiheit. Beni schafft es tatsächlich, Fögis Zuwendung zu erhalten und erlebt seine erste Liebe und seine ersten sexuellen Erfahrungen.

Unterwerfen und auflehnen

Die Beziehung scheint einige Zeit sehr glücklich zu sein; Beni liebt Fögi jedoch mit einer solchen Anspruchslosigkeit, Hingabe und Bewunderung, dass dieser sich trotz aller Zuneigung und Zweisamkeit sehr allein fühlt. Während Beni glücklich ist, sucht Fögi Zuflucht in Alkohol und Drogen. Um zu Geld zu kommen, beginnt er wieder zu dealen. Nach einem Trip in den Libanon löst er, dem die Musik über alles geht, die Band auf. Gleichzeitig nervt ihn Benis Gegenwart, die nie fordernd, sondern immer gebend ist, so sehr, dass er diesen hinauswerfen will. Beni, der sich nicht hinauswerfen lässt, lässt sich mit Hingabe und Selbstlosigkeit von Fögi erniedrigen und lebt fortan wie ein Hund in dessen Wohnung.

Um das Geld für das gemeisame Leben ­ vor allem aber für Fögis Drogensucht ­ aufzubringen, geht er auf den Strich. Erst dieses abartige, sadomasochistische Verhältnis lässt für eine kurze Zeit die Beziehung wieder aufleben; Beni gefällt sich in der Rolle des Hundes, der jegliche Verantwortung für sein Leben abgeben kann und trotzdem geborgen ist. Fögi hingegen kann durch Benis Prostitution bestens seine Drogensucht finanzieren und seine Trostlosigkeit und Aggressionen auf die ganze Welt an Beni ausleben.

Als jedoch Fögis bester Freund Töbe (Urs Peter Halter) Selbstmord begeht, beginnt er wieder zu fixen und versinkt derart in Gleichgültigkeit, dass Beni aus seiner Rolle schlüpft und sich zum ersten Mal gegen seinen Freund auflehnt, um diesem eine Reaktion abzufordern und ihn aus seiner Gleichgültigkeit zu holen. Die Beziehung nimmt einen Fortgang, der beide vor die Entscheidung stellt weiterzuleben, wegzugehen oder freiwillig zu sterben.

«F. est un salaud» ist ein bedrückender Film über die erste Liebe in einer Zeit, in der die Gefühle der Jugend zwischen grosser Hoffnung und absoluter Zukunftslosigkeit schwankten. Zu sagen haben sich die beiden Liebenden nichts, ihre Beziehung funktioniert über Abhängigkeit. Durch sadomasochistische Rituale kann ein Verhältnis erreicht werden, dass auch ohne direkte Kommunikation klappt, das eine Beziehung schafft, die nicht hinterfragt werden muss, die von aussen sinnlos wirkt.

Geht unter die Haut

Martin Franks Buch, das bei seinem Erscheinen in den 70er Jahren Entrüstung und Aufsehen erregt hat, erzählt die Geschichte Benis und Fögis aus Benis Ich-Perspektive mit einiger Distanz. Der Film, der ansatzweise auch mit Beni als Off-Erzähler arbeitet, kann und will diese Distanz nicht einhalten. Durch den Sprachenwechsel ­ vom gemütlichen Berndeutsch zur Sprache der Liebe und der Leidenschaft, dem Französischen ­, aber vor allem durch die Visualisierung der Geschichte wird eine Intensität erreicht, die unter die Haut geht. Mit der Kamera als voyeuristisches Auge ist man gezwungen an der zerstörerischen Beziehung von Fögi und Beni als unsichtbarer Dritter teilzunehmen, mitzuleiden, mitzufordern. Mitten im Geschehen pendelt die Identifikation des Zuschauers zwischen dem unterwürfigen Beni und dem selbstzerstörerischen und aggressiven Fögi. Hervorragende schauspielerische Leistungen, gute Musik und ein glaubhaftes Ambiente der 70er Jahre runden diesen sehenswerten, aber nicht leicht verdaulichen Film ab.

Regie Marcel Gisler
Buch Marcel Gisler, Rudolf Nadler
Kamera Sophie Maintigneux
Musik Rainer Lingk
Produktion CH/F 1998
Dauer 92 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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