Filmarchiv

Eye of the Beholder

Der Voyeur und die Mörderin

«Eye of the Beholder» / Die aus den Fugen geratene Psychologie der Filmfiguren und ein schlechtes Drehbuch machen diesen Film trotz manch nettem Einfall unglaubwürdig.

Jana Ullmann

Eines der Dogmen Hitchcocks war es, die Zuschauer und Zuschauerinnen so auf Trab zu halten, dass allfällige Löcher in der Filmstory gar nicht bemerkt würden. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Plot von «Eye of the Beholder» verfügt über einige Mängel und Lücken. Dass diese so augenfällig werden, liegt vermutlich auch am mangelnden «Suspense». Die Leerstellen helfen zwar, die vorherrschende Stimmung einer dunklen, unerklärlichen Traumwelt mitzuerzeugen, sorgen aber auch dafür, dass die Geschichte auf der Strecke bleibt. Den Schauspielern kann man die Schwächen des Drehbuchs allerdings nicht anlasten, und so retten der Hauptdarsteller und die Hauptdarstellerin den Film mindestens teilweise.

Ein Superagent (Ewan McGregor), von dem nur der Deckname «The Eye» bekannt ist, verfolgt die Mörderin Joanna Eris (Ashley Judd). Anstatt sie zu stellen, Beweismaterial hätte er längst genug, verfällt der voyeuristische Beobachter aber immer mehr der Anziehung der wandlungsfähigen Männermörderin. Anstatt sie seinen (vermutlich staatlichen) Auftraggebern auszuliefern, fängt «The Eye» an, Joanna zu beschützen, und fungiert als unsichtbarer Schutzengel im Hintergrund, während sie munter weiter mordet.

Die Mörderin als Männerphantasie

Zwei wichtige Knackpunkte der Geschichte nun bleiben unter anderem im Dunkeln. Unklar sind etwa die Mordmotive Joannas. Da gibt es scheinbar keinen Auftraggeber, und so muss man wohl davon ausgehen, dass sie eine krankhafte Männermörderin auf Rachefeldzug ist. Ein genaues Motiv wird nicht genannt – ein unverarbeitetes traumatisches Erlebnis schwebt aber irgendwie im Raum. Ihre Aufmachung, ihr Styling, mit dem sie sich als leibhaftige Männerphantasie inszeniert, könnte diese Behauptung stützen.

Genauso erahnen muss man auch die Beweggründe des sie schützenden Agenten. «The Eye» hat offensichtlich seine Tochter Lucy und seine Frau verloren. Klar wird auch, dass der Agent sich am Verschwinden der Tochter schuldig fühlt. Ist es diese Schuld, die ihn veranlasst, Joanna zu beschützen? Vermutlich, denn das Präsent-Machen der nicht präsenten Tochter manifestiert sich in einer durchgehenden Obsession von «The Eye». Und dies nun ist einer der interessanteren Kniffe der Story.

Die weisse Welt der Schneekugeln

Von jedem Ort, den er auf seiner Verfolgungsjagd kreuzt, bringt er seiner nicht mehr real anwesenden Tochter, die ihm dennoch als Gespenst überallhin folgt und mit der er immer wieder Zwiegespräche führt, eine Schneekugel als Geschenk mit. Diese Schneekugeln fungieren als Souvenirs, die ihren Bestimmungsort nie erreichen werden, und verweisen gleichzeitig ins Imaginäre von «The Eye». Die geschüttelte und beschneite Landschaft in den Schneekugeln ist eine zweite, eine Traumwelt.

Der Titel «Eye of the Beholder» (official site) sowie der Nicht-Name des Protagonisten «The Eye» weisen darauf hin, dass die dargestellte Welt im Film sich nur im Kopf dieses Agenten abspielt – im Auge des Beobachters eben.

Die undurchsichtigen Beweggründe der Protagonisten sorgen dafür, dass die Story von «Eye of the Beholder» regelrecht zerbröselt. Zwar erinnern gewisse Einstellungen und Fragmente der Geschichte tatsächlich an die Filme Hitchcocks, aber weder die Psychologie der Figuren noch die Spannung ist konsequent durchgehalten, auch dann nicht, wenn die Filmbilder bloss dem Wahn des Beobachters entspringen sollten.

Regie Stephan Elliott
Buch Stephan Elliott
Kamera Guy Dufaux
Musik Marius De Vries
Produktion Can/GB 1999
Dauer 107 Min.
Genre Thriller

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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