Filmarchiv

Exklusiv

Wenn Schlagzeilenjäger zu Gejagten werden

«Exklusiv»: Schweizer Thriller im Milieu der Sensationsmedien

Brigitte Häring

Sehr ungewöhnlich für die Schweizer Filmszene ist es, was uns der junge Regisseur Florian Froschmayer und sein Team vorlegen: ein Actionfilm in Dialekt. Die Öffentliche Krankenkasse (ÖKK) lud gestern zur Filmpremiere in Basel, bei der die ganze Crew anwesend war.

Eine leises Grauen beschleicht die Journalistin, plötzlich soll sie eine Titelgeschichte über diesen Film schreiben. Denn, so zeigt dieser Film, es ist nicht ungefährlich, sich auf die Jagd nach exklusiven Storys zu machen. Noch viel gefährlicher aber ist es, solche am nächsten Tag zu Gunsten einer anderen Geschichte wieder fallen zu lassen. «Exklusiv» (official site, Trailer) zeigt in ungewöhnlich unschweizerischer Filmsprache, wie ein Sensationsreporter in die Mühlen einer irren und mörderischen Geschichte gerät.

Kein Platz für Moral

Die Tochter eines Nationalrates wird ermordet aufgefunden: gefundenes Fressen für eine Zeitung wie «Exklusiv», die daraus eine ganze Titelserie macht. Aus Zeitungsausschnitten, Fotos, Fernsehausschnitten und Kommentaren erfährt das Publikum in einem rasant montierten Vorspann diese nicht unwichtige Vorgeschichte.

Exklusiv-Journalist Mike Bärtschi (Martin Rapold) und sein Freund und Arbeitskollege, der Fotograf Bernhard Kauter (Daniel Bill), sind auf dem Weg zur Redaktionssitzung. Im Hof des Zeitungsgebäudes werden sie Zeugen, wie die Frau des Exklusiv-Herausgebers erschossen wird. Während einer der beiden die neunjährige Tochter abwendet, schiesst der andere schon die ersten Fotos. Auch der herbeieilende, verzweifelte Herausgeber wird sofort vor die Linse genommen. Für Moral und Ethik kann kein Platz sein. Schon bald trifft die Polizei ein (und damit auch Beat Schlatter in der erstaunlich unkomödiantischen Rolle als Polizeikommissar Schmidheini).

Schlagzeilen-Morde

Nun beginnen sich die Ereignisse zu verwirren. Mike bekommt anonyme Telefonanrufe, in denen sich jemand zum Mord bekennt. Weitere Morde, die von Mike mit einer Titelgeschichte beehrt werden sollen, werden angekündigt. Falls er dies nicht tue, so die anonyme Stimme, würde sein Tod Stoff für die Schlagzeilen geben.

Somit sind also die Prämissen des Sensationsjournalismus ad absurdum geführt: Nicht mehr Bluttaten in der grossen weiten Welt inspirieren die Geschichten auf den ersten Seiten. Vielmehr ist es der Wunsch eines Verrückten, seine eigenen Taten ebenfalls auf der ersten Seite zu lesen, der zu neuen Morden führt. Und weil es sich eben um eine auflagenstarke Sensationszeitung handelt, werden diese natürlich auch gebührend als Titelthemen geführt. Eine rasante Teufelsspirale beginnt sich zu drehen, aus der sich der verzweifelte Journalist Mike Bärtschi bald nicht mehr zu retten weiss.

Düstere Bilder

Froschmayers Film erstaunt nicht zuletzt durch seine brutale, gewalttätige Bildsprache, die dem Thema, dem er sich annimmt, gerecht wird. In immer sehr düster gehaltenen Bildern spielen sich Szenen ab, die wir sonst vom Schweizer Film nicht kennen: Autoverfolgungsjagden, Pistolenduelle mit blutigen Folgen, Action und Suspense. Dabei bewegt sich der Film immer bewusst im Schweizer Milieu (mit echter, gemieteter Schweizer Polizei), ist in Dialekt gesprochen und bringt die Medienwelt unseres Landes ziemlich getreu über die Leinwand. Diese Realitätsnähe darstellend und sie gleichzeitig wieder brechend, treten denn auch bekannte Fernsehgesichter wie Beni Turnheer oder Ueli Schmetzer als sich selber auf.

Alles in allem ist dem sehr jungen Team, das immerhin ohne die Unterstützung der Schweizer Filmförderung gearbeitet hat, ein recht eindrückliches Debut gelungen, das einiges an Spannung bereithält. Da mag man denn auch darüber hinwegsehen, dass ein Film mit so kleinem Budget nicht so perfekt durchgestylt sein kann wie seine grossen, finanzstarken Verwandten aus Hollywood.

Dennoch hätte man hie und da ein wenig mehr Sorgfalt für die Ausarbeitung der Figuren – besonders der Nebenfiguren – aufwenden können. Trotzdem muss man sagen: «Exklusiv» ist mit seiner frischen, frechen und schnellen Art eine Bereicherung für die Schweizer Filmszene, der man oft etwas mehr Jugendlichkeit wünschen würde.

Regie Florian Froschmeyer
Buch Tobias Kunz, Florian Froschmeyer
Kamera Pascal Walder
Musik Matthias Zimmermann
Produktion CH 1999
Dauer 80 Min.
Genre Action/Thriller

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
Jegliche Form der Weiterverbreitung ist ohne Genehmigung untersagt.

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