Filmarchiv

Existenz

Virtuelles ist real. Und umgekehrt

Ein düster-intelligenter Alptraum von virtueller "eXistenZ"

Nina Stössinger

David Cronenbergs neuer Film zeigt eine Welt, in der Computer lebendiger scheinen als Menschen und Simulationen echter als die Realität. "eXistenZ" ist kein Film für laue Popcorn-Abende, eher einer für schlaflose Nächte - im positiven Sinn.

"eXistenZ" ist mehr als blosses Existieren. "eXistenZ" ist das ultimative Computersystem: ohne Mäuse, ohne Tasten, ohne unverständliche Fehlermeldungen. Die organische Spielkonsole, die geliebt und gehegt werden will wie ein Baby, klinkt sich mittels Nabelschnur direkt ins Rückgrat und damit ins Nervensystem der Spieler ein, mit unverkennbar sexuellen Untertönen. Endlich scheint die perfekte Symbiose erreicht zwischen Menschen, die ihrer Realität entfliehen wollen, und Maschinen, die lebendiger und damit liebenswerter erscheinen denn je. Dass das nicht gutgehen kann, erstaunt bei diesem Regisseur nicht weiter.

"eXistenZ" öffnet die Tore zu simulierten Parallelwelten, zu einer zweiten Realität, in die sich zurückziehen kann, wem sein Dasein als allzu real, sprich: allzu banal erscheint. "eXistenZ hat mich befreit", sagt dann der moderne Mensch. Die Welten, in die er versetzt wird, sind dabei doch immer seine eigenen: Der Computer erkennt Wünsche, Ängste, Träume der Spieler und flicht sie in die virtuelle Realität mit ein. Deshalb hat das Spiel weder einen festen Verlauf noch ein vorgegebenes Ziel: "Du musst es spielen, um zu verstehen, warum du es spielst", erklärt die Entwicklerin, die "Mutter" von "eXistenZ".

Kampf für die Realität...

Das ist Allegra Geller (die etwas farblose Jennifer Jason Leigh). Als machtvollere (und ansehnlichere) Zukunftsversion von Bill Gates ermöglicht sie Millionen Menschen virtuelle Visionen. Dafür wird sie verehrt wie eine Göttin und gehasst wie eine Dämonin: letzteres vom "realistischen Untergrund", der sich gegen die Macht der Virtualität erhebt.

Nach einem missglückten Attentat muss Allegra fliehen. Beschützen soll sie der unbedarfte Lehrling Ted Pikul (Jude Law in einer weiteren auffallenden Nebenrolle). Sogleich zeigt ihm Allegra ihre Schöpfung, führt ihn durch die (ihm unbekannten) Welten von "eXistenZ". Diese Reise aber, die scheinbar übersehbar beginnt, verwickelt und verwirrt sich bald. Immer neue Schichten paralleler Realitäten lagern sich übereinander und interagieren auf unerklärliche Weise miteinander.

Schliesslich ist der Lehrling nicht mehr sicher, ob seine Anführerin real ist oder bloss eine Spielfigur; und auch Allegra kann kaum noch unterscheiden, was ihrer eigenen Schöpfung entstammt und was ausserhalb des Spiels liegt. Gleich Goethes Zauberlehrling wird sie die Geister der Virtualität, die sie zu beherrschen glaubte, nicht mehr los; bloss kann ihr kein Gott als Hexenmeister helfen, denn der ist wohl tot.

...aber was, bitte, ist das?

Wer sich - ähnlich wie Allegra - zurücklehnt in Erwartung eines gewöhnlichen Kinoabends, wird - wie sie - in einen Strudel von Unwahrscheinlichkeiten und Merkwürdigkeiten hineingezogen, bis er sich fragt: Was ist nun eigentlich echt und was virtuell? Wo genau liegt das Ende der Realität, wo der Anfang der Fiktion?

"eXistenZ" kreist damit um ähnliche Fragen wie "Matrix", der düstere Zukunftsthriller der amerikanischen Wachowski-Brüder. Trotzdem ist jene glatt und ästhetisch ausformulierte Vision kaum zu vergleichen mit Cronenbergs zu Fleisch auf Zelluloid gewordenem Alptraum. Während "Matrix" ein provokantes Thema leicht verdaulich anrichtet, liegt einem "eXistenZ" quer im Magen; so quer, wie es sein existenzieller Inhalt verlangt. Und so quer, dass einen der Film auch jenseits des Unterhaltungswerts beschäftigt.

Regie David Cronenberg

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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