Filmarchiv

Erin Brockovich

Die guten Kleinen und die bösen Grossen

«Erin Brockovich» / Julia Roberts versucht sich in diesem Film über eine wahre Geschichte mit mässigem Erfolg als ernsthafte Schauspielerin im Kampf gegen einen Industriegiganten.

Brigitte Häring

Man kennt es langsam sehr gut: Eine Hand voll Personen kämpft um das Recht der kleinen Leute und muss dafür gegen eine grosse Übermacht, sei es einen Industriegiganten, sei es eine korrupte Regierung oder sonst eine Organisation, antreten. Am besten eignen sich – so haben wir schon zum laufenden Film «The Insider» bemerkt – wahre Geschichten. Geschichten, die sich tatsächlich ereignet haben und die – sonst ist es nicht kinotauglich – zum Vorteil der kleinen Leute enden. In Amerika ist alles möglich. Da kann man alles und jeden einklagen, wenn man nur die richtigen Argumente hat. Und je nach Laune des zuständigen Richters kann man danach sehr viel mehr Geld haben.

Nun hat sich nach Michael Mann (The Insider) ein weiterer sehr renommierter Regisseur einer dieser wahren Geschichten angenommen: Steven Soderbergh («Sex, Lies and Videotape»). Als Star tritt Julia Roberts auf. Sie verkörpert die allein erziehende und arbeitslose Frau Erin Brockovich (official site), die ständig durch ihre direkte und schonungslose Art aneckt. Als sie bei einem Autounfall, an dem sie keine Schuld trägt, verletzt wird, geht sie vor Gericht, um wenigstens ihre Arztkosten decken zu können. Ihr Pflichtverteidiger, der kleine Anwalt Ed Masry (Albert Finney), versichert ihr, den Prozess gewinnen zu können. Dennoch verliert sie und steht mit noch weniger Geld und ohne Arbeit da.

Durch Zufall dem Skandal auf der Spur

Um endlich zu Geld zu kommen, zwingt Erin den Anwalt, den sie für den Prozessverlust verantwortlich macht, sie in seiner Praxis als Bürohilfe anzustellen. Dort stösst sie beim Sortieren von Akten auf merkwürdige Aufzeichnungen. In der Akte über eine Immobiliengeschichte findet sie Angaben zu ärztlichen Untersuchungen. Neugierig geworden, beschliesst sie, dem Fall nachzugehen, und stösst auf eine höchst brisante Geschichte, die sich bald als ein Umweltskandal grösseren Ausmasses herausstellt. Nachdem auch der Anwalt Ed Masry von der Brisanz des Falles überzeugt ist, beginnen die beiden, eine ganze Kleinstadt gegen das städtische Gaswerk aufzubringen, das seit Jahren giftige Substanzen ins Grundwasser laufen lässt und so verantwortlich für unzählige Erkrankungen ist.

Gerechtigkeit vor persönlichem Glück

Erin, die Frau, der nie etwas gelingen wollte im Leben, hat endlich ihre Bestätigung gefunden: Sie hat einen sehr interessanten Job, bei dem es um mehr geht als nur ums Geldverdienen. Und ausserdem hat sie einen neuen Nachbarn, Typ Bär mit weichem Herzen (Aaron Eckhart), der sich in sie verliebt und sich um ihre Kinder kümmert. Leider herrscht die Freude nicht lange in Erins Privatleben, denn ihre totale Hingabe an ihre Arbeit vertreibt auch die nettesten Menschen, und so muss sie zusehen, wie ihr Lebenspartner nach einiger Zeit wieder geht. Doch ihre «Kopf-durch-die-Wand»-Mentalität lässt sie nicht klein beigeben, und so darf sie schliesslich den kranken Menschen der Kleinstadt verkünden, dass diese den Prozess gegen die Gasfirma gewonnen haben. Einmal mehr hat die Gerechtigkeit gesiegt, und wir sind ganz glücklich.

Und doch bleibt am Ende ein schaler Geschmack zurück. Sind es denn wirklich die Kleinen, die gewinnen? Werden hier nicht einfach Menschen, die sowieso schon schwer geschädigt sind, mit lächerlichem Geld mundtot gemacht? Und spielt Hollywood nicht im Moment genau in diesem Spiel mit, indem es mit ähnlichen Geschichten den Kinomarkt überschwemmt? Ob bei solchen Spielen vom Typ David gegen Goliath nicht am Ende doch Goliath das letzte Lachen hat, bleibt dahingestellt. Auf jeden Fall ist festzustellen, dass die Leistung Soderberghs enttäuscht, ebenso die seiner Hauptdarstellerin Julia Roberts, die in diesem ernst gemeinten Film wie eine auf dem falschen Set gelandete Komödiendarstellerin wirkt.

Regie Steven Soderbergh
Buch Sussanah Grant
Kamera Edward Lachman
Musik Thomas Newman
Produktion USA 2000
Dauer 131 Min.
Genre Thriller/Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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