Filmarchiv

Enemy of the State

Die Wanze im Hosenschlitz

Will Smith auf der Flucht vor dem Grossen Bruder

Von Patrick Bürgler

Modernste Überwachungstechnologie, ein ahnungsloses Opfer, kaltblütige Jäger und ein paar heisse Verfolgungsszenen: Das sind die Zutaten, aus denen die beiden Spezialisten Jerry Bruckheimer und Tony Scott diesmal ihren Actionstreifen zusammensetzen. Dank guter Besetzung mit Will Smith und Gene Hackmann mit achtbarem Erfolg.

Da regen sich die Schweizerinnen und Schweizer auf, weil die Swisscom ihre Nateldaten speichert. Dabei hat «Big Brother» heute ganz andere Möglichkeiten, seine Untertanen auf Schritt und Tritt zu verfolgen. Zumindest in den USA, denn dort gibt es die NSA, die National Security Agency. Sie überwacht jegliche elektronische Kommunikation und liegt mit Hilfe von Satelliten, Wanzen, Richtmikrofonen und Videokameras ständig auf der Lauer, um aus den vielen Normalbürgerinnen und -bürgern die Bösewichte herauszufiltern, die dem Staate Übles wollen.

Im neuesten Thriller des Actionduos Jerry Bruckheimer (Produktion) und Tony Scott (Regie), die hier schon zum fünften Mal zusammenspannen, ist aber nicht der Gejagte der Staatsfeind, sondern der Jäger. Der Anwalt Robert Clayton Dean (Will Smith, wieder im Anzug, aber nicht im schwarzen) mag zwar etwas schlitzohrig sein, dass ihm deshalb aber gleich eine Armada von Überwachern mit High-Tech-Geräten auf die Pelle rückt, wäre doch übertrieben. Aber Dean hat etwas, was der NSA-Mann Thomas Reynolds (Jon Voight) unbedingt will ? ein Videoband.

Katz-und-Maus-Spiel

Auf diesem Band ist festgehalten, wie einer von Reynolds Schergen einen Kongressabgeordneten meuchelt, der sich vehement gegen ein neues Gesetz stemmt, das den totalen Lauschangriff erlauben würde. Reynolds würde das natürlich die Arbeit erleichtern und dafür geht er offensichtlich über Leichen.

Auf Umwegen kommt Dean in den Besitz des Bandes, ohne es zu merken, geschweige denn den brisanten Inhalt zu kennen. Der erfolgsverwöhnte Anwalt versteht denn auch die Welt nicht mehr, als sein Leben so langsam zerbröckelt: er verliert seinen Job, seine Frau verlässt ihn, und eine Ex-Geliebte findet ein gewaltsames Ende, bei dem alles darauf hindeutet, dass Dean der Täter ist.

Dean tappt völlig im Dunkeln, während seine Gegner über jeden seiner Schritte bestens informiert sind. Wenn er über Hausdächer vor seinen Häschern flieht, verfolgen sie das dank Satellitenkameras live am Bildschirm mit. Aber auch im Gebäudeinnern hat Dean keine Chance, weil er von Handy über Hosenschlitz bis zur Schuhsohle verwanzt ist.

Keiner knallt schöner

Erst der geheimnisvolle Brill (Gene Hackman>), mit dem Dean schon früher indirekt Kontakt hatte, erkennt, wer hinter Dean her ist. Aber mit dem NSA, seinem früheren Arbeitgeber wie sich später herausstellt, will Brill absolut nichts zu tun haben. Da er aber der einzige ist, der die Tricks der Überwacher kennt, verbündet er sich am Ende natürlich doch noch mit dem vermeintlichen «Enemy of the State»

Der Schnüffelstaat, der seinen Bürgern die intimsten Geheimnisse entlocken will, ist auch in Hollywood beliebter Stoff für Filme. Bruckheimer/Scott haben nichts Neues erfunden. Gene Hackman spielte bereits vor 25 Jahren in «The Conversation» einen staatlichen Lauscher. Eine Überwachungsszene auf einem offenen Platz in «Enemy of the State» spielt auch liebevoll auf diesen Film an.

Doch der neueste Thriller aus der Abteilung Lauschangriff legt dank neuester Technologie noch einen Zacken zu. Und die allseits beliebten Actionszenen aus dem Hause Bruckheimer/Scott ? Motto: Keiner lässt schöner explodieren als wir ? leisten ein weiteres für einen gelungenen Thriller. Einzig der Schluss enttäuscht: Dass sich alles zum Guten wendet, muss ja sein, beim Wie hätte man sich aber etwas Originelleres einfallen lassen können.

Regie Tony Scott
Buch Daid Marconi
Kamera Dan Mindel
Musik Trevor Rabin, Harry Gregson-Williams
Produktion USA 1998
Dauer 128 Min.
Genre Thriller

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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