Filmarchiv

Emporte-moi

Eine Pubertät in den sechziger Jahren

Eine Dreizehnjährige entdeckt die Welt

Von Felicitas Graf

Die nach Kanada ausgewanderte Schweizerin Léa Pool zeigt in ihrem neuen Film «Emporte-moi» einfühlsam die schwierige familiäre und persönliche Situation eines dreizehnjährigen Mädchens in den sechziger Jahren.

Es ist nicht eine Geschichte, die Léa Pool mit ihrem neuen Film «Emporte-moi» (official site) erzählt. Es sind verschiedene Entwicklungen, die sie verfolgt, um sie dann für eine neue wieder zu verlassen. Die Regisseurin erzählt verschiedene mögliche Geschichten, die aber alle nicht zu einem eigentlichen Ende kommen. Damit gelingt es ihr, in ihrem Film eine unspektakuläre, aber eindrückliche Bestandesaufnahme des Lebens der dreizehnjährigen Hanna (Karine Vanasse) zu zeigen.

Zwischen den Fronten

Hanna erlebt 1963 ihr dreizehntes Lebensjahr zwischen allen Fronten. Der Film beginnt, als ihre erste Monatsblutung einsetzt. Hanna steht am Übergang vom Mädchen zur Frau. Ihr Vater (Miki Manojlovic)) ist Jude, die Mutter (Pascale Bussières) Katholikin, Hanna weder das eine noch das andere, denn für die Juden gehört sie der Religion der Mutter an, für die Katholiken der des Vaters.

Die Beziehung der Eltern, die nicht verheiratet sind, ist äusserst gespannt. Der Vater ist ein erfolgloser Schriftsteller, der sich unfähig sieht, einer geregelten Arbeit nachzugehen, die Mutter eine sensible und schwache Frau, die tagsüber in einer Fabrik das Geld für die Familie verdienen muss, abends die Gedichte des Vaters ins Reine schreibt und wiederholt versucht, sich das Leben zu nehmen.

Hanna fühlt sich hin- und hergerissen zwischen Liebe und Abscheu für den Vater, zwischen dem Gefühl der Verantwortung gegenüber der Mutter und dem Wunsch nach Geborgenheit. Einzig der ältere Bruder Paul (Alexandre Mérineau) könnte ihr einen Halt geben, doch dieser hat sich in ihre Freundin Laura (Charlotte Christeler) verliebt, zu der sich auch Hanna erotisch hingezogen fühlt.

Im Kino sieht sie Jean-Luc Godards «Vivre sa vie» und gerät in eine schwärmerische Faszination für die Darstellerin Nana, mit deren Philosophie der Eigenverantwortung für die kleinste Handlung des eigenen Lebens sie sich einerseits identifiziert und die sie andererseits an ihre Lehrerin (Nancy Houston) erinnert.

Sein Leben leben

Léa Pool stellt nicht einzelne Teile der Geschichte in den Mittelpunkt, auf die sie sich dann konzentriert. Sie tönt vielmehr verschiedene Entwicklungen an: das Verhältnis der beiden Geschwister Hanna und Paul, die sich auf fast inzestuöse Weise nahestehen, die Beziehung von Hanna zu ihrer labilen Mutter, Hannas erste erotische Erfahrungen mit ihrer Freundin oder wie Hanna das Leben von Nana in «Vivre sa vie» nachzuleben versucht. Das alles sind Erfahrungen und Momente, die Hannas dreizehntes Lebensjahr bestimmen. Es sind Episoden im Leben von Hanna, die kein richtiges Ende finden, die es auszuhalten gilt, bis sie in neue Erfahrungen münden.

Am Ende leiht ihr die Lehrerin ihre Filmkamera und die letzten Bilder von «Emporte-moi» sind Aufnahmen, die Hanna mit dieser Kamera macht, bis sie lachend feststellt, dass sie nicht weiss, wie das Gerät wieder auszuschalten ist. Dass das Leben nicht aus abgeschlossenen Erlebnissen besteht, sondern sich übergangslos von einer Erfahrung in die nächste schleicht, das scheint die Methode und Aussage des Films zu sein.

Überzeugende Darstellerin

So lebensecht diese Art des Erzählens auch scheinen mag, dem Film fehlt genau deswegen weitgehend die Motivation: Warum führt Léa Pool den Zuschauern Hannas Leben vor? Dass «Emporte-moi» dennoch ein spannender und faszinierender Film ist, liegt an der Hauptdarstellerin Karine Vanasse. Die Kamera bleibt immer wieder mit Grossaufnahmen an Hannas Gesicht hängen, auf dem sich Zärtlichkeit und aufmüpfiger Trotz, Melancholie und Fröhlichkeit, mädchenhafte Züge und die einer jungen Frau zeigen. Den emotionalen Spannungen zu folgen, die Karine Vanasse zum Ausdruck bringt, rettet über die fehlende erzählerische Motivation hinweg.

Regie Léa Pool
Buch Léa Pool, Nancy Huston, Monique H. Meddier
Kamera Jeanne Lapoirie
Musik Ketil Bjornstran
Produktion CH/Can/F 1999
Dauer 94 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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