Filmarchiv

Elizabeth

Keine Zeit für die Liebe

Gefühle und Politik: «Elizabeth» von Shekar Kapur

Von Benjamin Herzog

Aus der hintersten Reihe in der Thronfolge schafft es Elizabeth I, Königin von England zu werden. Doch sie bezahlt ihre Karriere mit dem Verzicht auf die Liebe. «Elizabeth», das historisch orientierte Drama um politische Macht, mag aber nicht ganz auf Gefühle verzichten.

Ein ganzes Zeitalter wurde nach ihr benannt: Königin Elizabeth I (1533-1602), die Tochter von Henry VIII und Anne Boleyn, der zweiten seiner sechs Frauen. Weil Henry sich nicht von seiner Gattin scheiden lassen konnte, enthauptete er sie 1536 kurzerhand und erklärte die Ehe und somit auch die gemeinsame Tochter für illegitim. Aus dieser denkbar ungünstigen Lage als «uneheliches» Kind stieg Elizabeth bis zum Königsthron auf und brachte ihr Land zu ungeahnter Blüte. Der indische Regisseur Shekar Kapur hat mit «Elizabeth» seinen ersten europäischen Kinofilm gedreht. Das Porträt der Königin ist ein Meisterwerk in jeder Beziehung. Der Film verfolgt die Zeitspanne von ihrem Aufstieg bis in die frühen Regierungsjahre hinein. Dabei schafft Kapur den heiklen Balanceakt zwischen Kostümfilm, Drama und Politthriller und hält sich dabei, zumindest in groben Zügen, an die historischen Tatsachen.

Mehr als ein Kostümfilm

«Kostümfilm» ? die Bezeichnung ist in ihrer Reduktion auf schöne Kostüme und entsprechendes Dekor abwertend. Man denke an all die langweiligen «Klamotten», mit denen sich die Regiearbeit begnügt, eine vergangene Epoche über den Laufsteg zu schicken ? nur knapp mit einer groben Handlung verhüllt. Dass es in «Elizabeth» (official site nicht soweit kommt, ist vor allem der Leistung der Hauptdarstellerin, der Australierin Cate Blanchett, zu verdanken. Die Absolventin des Australia?s National Institute of Dramatic Art spielte in verschiedenen Theaterkompanien, unter anderem auch unter der Regie von David Mamet (The Spanish Prisoner). In der Rolle Elizabeths vereint sie zarte Verletzlichkeit mit eiskaltem Willen, schwärmerische Hingabe mit unnahbarem Stolz.

Cate Blanchett verkörpert mit dem königlichen Part zugleich auch das zentrale Motiv des Films, ganz nach dem Elizabeth zugeschriebenen Zitat: «Liebe ist gewöhnlich Voraussetzung für Glück und Lebensfreude. Aber seit ich von meinen Aufgaben so unablässig in Pflicht genommen bin, ist keine Zeit mehr für die Liebe.» So gesellt sich zum Kostümfilm-Moment, zu den Bildern von berückender Schönheit, zu üppigen Szenen höfischen Lebens und zu Gewändern, die, alten Gemälden gleich, vor dunklem Hintergrund leuchten, Elizabeths persönliches Drama: Die Verwandlung von einer lebensfrohen Frau, die mit der Thronbesteigung auf ein Privatleben, namentlich auf ihren Geliebten Lord Robert Dudley (Joseph Fiennes) verzichten muss, in die Königin von England.

Herrscherin und Opfer

Dieser Weg ist nicht ohne Hindernisse. Schlangen gleich treiben sich missgünstige Hofschranzen um die neue Queen herum, spinnen Intrigen und planen Mordanschläge. Elizabeths Rolle in diesem politischen Schachspiel ist allerdings nicht nur eine aktive. Starkes Gewicht legt Kapur auch auf die Opferperspektive. Wenn Elizabeth in der letzten Einstellung, zur weissgeschminkten Ikone, zur «Virgin Queen» stilisiert, auf dem Thron sitzt, kann sie sich der Sympathien des Publikums sicher sein.

Der Film bricht hier ab und unterschlägt dabei etwa dreissig Jahre Regierungszeit. In diesen Jahren liess die Königin immerhin die riesige spanische Armada versenken und ihre Halbschwester Mary Stuart hinrichten. Indem Shekar Kapur diese Tatsachen zwischen den Deckeln der Geschichtsbücher ruhen lässt, erweckt er Sympathie für Elizabeth, die Politikerin in einer männlich dominierten Welt, die keine «Zeit für die Liebe» hatte, der sie aber auch nicht zugestanden wurde.

Regie Shekar Kapur
Buch Michael Hirst
Kamera Remi Adefarsain
Musik David Hirschfelder
Produktion Indien/GB 1998
Dauer 124 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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