Filmarchiv

eine Synagoge zwischen Tal und Hügel

Die Letzten in Delémont

«Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel» / Ein eindrückliches Dokument über eine aussterbende jüdische Gemeinde

Von Karin Müller

In Delémont gab es einst eine lebendige jüdische Gemeinde. Heute hat sie gerade noch sieben Mitglieder, zwei Männer und fünf Frauen. Um in der 1911 erbauten Synagoge einen Gottesdienst abhalten zu können, braucht es aber zehn Männer. Den jüdischen Familien in Delsberg wurden jedoch in den letzten Jahrzehnten mehrheitlich Mädchen geboren, von denen im Laufe der Jahre erst noch die meisten den Ort verlassen haben. Eine der letzten jüdischen Landgemeinden der Schweiz ist am Aussterben.

Der Schweizer Regisseur Franz Rickenbach liess sich von der verlassenen Synagoge im Jura inspirieren und vertiefte sich sieben Jahre lang in ihre Geschichte und die damit verbundenen Schicksale ihrer noch verbliebenen Mitglieder. Daraus sind nicht nur einfühlsame Porträts entstanden, denn der Film gibt zusätzlich einen eindrücklichen Einblick in die jüdische Vergangenheit und Gegenwart der Nordwestschweiz. Rickenbachs zweistündiges Werk «Eine Synagoge zwischen Tal und Hügel» ist kein Dokumentarfilm, sondern ein Filmdokument, das den Zuschauer trotz seiner Länge von Anfang bis Ende zu fesseln vermag.

Der Regisseur stellt die Delsberger Juden ins Zentrum und lässt sie über ihre Herkunft, ihre Familien, ihre Arbeit und ihr Leben erzählen. Ihre Berichte führen über den Jura hinaus in das angrenzende Elsass, nach Lausanne, nach Biel und Solothurn. Es sind die Gegend, aus der viele der jüdischen Familien vor Jahrzenten zugewandert, und die Orte, wohin die Töchter in jüngster Zeit gezogen sind. Vieles ist Erinnerungsarbeit, die sich aber weder nostalgischer Verklärung noch anklagender Schuldzuweisung hingibt, sondern ein bereits erloschenes und für viele von uns sicher weitgehend unbekanntes Stück Geschichte aus der jüngeren Vergangenheit unserer nächsten Umgebung ins Bewusstsein zurückholt.

Rickenbachs Protagonisten verharren jedoch nicht in vergangenen Zeiten. Sie leben in der Gegenwart, in der sie sich ebenso wie ihre Kinder und Enkel mit dem jüdischen Glauben auseinander setzen, jeder und jede auf seine persönliche Art und in der Hoffnung auf einen Neubeginn.

Regie Franz Rickenbach
Kamera Pio Corradi
Produktion CH 1999
Dauer 139 Min.
Genre Doku

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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