Filmarchiv

Rossini

Tragisch-faustisch-deutsch?

Helmut Dietl zeigt mit seiner saftig-zynischen Gesellschaftssatire «Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief» was deutsches Kino sein kann, wenn ein Regisseur zur Hochform aufläuft.

Von Karin Müller

«Film ist meine grosse Leidenschaft», sagt Restaurantbesitzer Paolo Rossini (Mario Adorf). «Film ist Krieg, mein Freund», ruft der Produzent Oskar Reiter. Zusammen mit dem Regisseur Uhu Zigeuner (Götz George) will er die «Loreley» verfilmen. Und Zigeuner mag es sich gar nicht vorstellen: «Multimillionenstahlgewitter... Magengeschwüre werd' ich kriegen, beide Beine werden's mir amputieren - tragisch-faustisch-deutsch! Furchtbar!» Helmut Dietl hat einen Film über ein Milieu gemacht, das er bestens kennt. In «Rossini - oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief» tummeln sich wie schon in Dietls Fernsehfilm «Kir-Royal» die Möchtegern-Künstler, die Schönen und Erfolgreichen, die Lokalmatadoren der Schickeria-Szene, die immer gleich mit der grossen Kelle anrühren und meistens verlieren.

In seiner neuen Gesellschaftssatire - und nach «Schtonk» seinem zweiten Kinofilm - ist Dietl aber noch eine Spur zynischer und böser geworden. Der Regisseur deutet das mit einem hübschen Verweis in einer Szene gleich selber an. Uhu und Oskar wollen Blutsbrüderschaft schliessen. Dabei spritzt der rote Saft in den Champagner: «Sieht ja aus wie Kir-Royal», meint Oskar da. Nur dass diesmal das teure Getränk eben mit Blut «veredelt» ist, statt mit süssem Cassislikör. Dietl hat in «Rossini» das eindrückliche Kunststück geschafft, dass einem keine einzige seiner Figuren sympathisch wird. Dabei hat er die Elite des deutschen Films um sich versammelt, unter denen es genug Identifikationsträger gäbe.

Im Nobelrestaurant «Rossini» treffen sich Abend für Abend eine Handvoll exaltierte Stammgäste zum gepflegten Diner. Auf der Bühne der Eitelkeiten tritt die dramatische Valerie (Gudrun Landgrebe) auf. Sie kann sich nicht entscheiden ob sie den Dichter Bodo Kriegnitz (Jan Josef Liefers) oder Reiter liebt, den Macho oder den Macher. Deswegen leidet sie an Verstopfung. Auch Zigeuner schlägt der Krach mit seiner Frau und die Suche nach der perfekten Loreley auf den Magen und auf die Potenz. Der eitle und misanthropische Jakob Windisch (Joachim Król) hingegen, der die literarische Vorlage zum Filmprojekt Loreley verfasst hat, hat's auf die schöne Serviererin Seraphina (Martina Gedeck) abgesehen, während die frustrierte Jet-Set-Journalistin Charlotte Sanders (Hannelore Hoger) allen weismachen will, dass es zwischen Frauen und Männern keine Liebe, nur Sex gibt, und Sex auch «Scheisse» ist.

Rossini sieht das nicht viel rosiger: «Ich kann meinen Hund lieben, aber doch keine Frau, Frauen sind doch keine Menschen». Die lockere Stimmung wird immer gereizter und gespannter, die Sprache immer derber, die Kinderstube immer schlechter. Die menschlichen Abgründe tun sich auf. Für einige der Gäste endet der Abend denn auch in der Katastrophe, andere glauben der Chance zu einem Neuanfang begegnet zu sein. Die meisten aber machen einfach dort weiter, wo sie am Tag zuvor aufgehört haben. «Vom einst mächtigen Gebirge aus Leidenschaft und Liebe ist nur noch ein komischer Rest übrig...nur Sand im Getriebe, wie in den schlechtesten Komödien...», meint Lyriker Bodo dazu. Seine Verse stammen übrigens alle von Wolf Wondratschek.

Das Drehbuch, das Dietl zusammen mit Patrick Süskind («Das Parfum») geschrieben hat, hält weitgehend die klassische Einheit von Zeit und Ort ein - die Hauptereignisse spielen sich an einem Abend ab - und die Handlung entwickelt sich im Film chronologisch. Die Personen, die nicht gerade im Mittelpunkt einer Szene stehen, bleiben deshalb immer im Hintergrund sichtbar - wie im Theater.

Mit übertrieben dramatischen, filmischen Effekten ironisiert Helmut Dietl seine Figuren. So bemüht sich Veronica Ferres als Schauspielerin Schneewittchen um die Rolle der Loreley. Die «wunderbaren» Auftritte der «holden» Blondine sind durch Musik, Zeitlupe und Fettfilter dramaturgisch unterstrichen. Hier zeigt sich auch, dass Dietl Stars, die mehr durch ihr Aussehen, als ihre schauspielerische Leistung überzeugen, perfekt zu besetzen weiss, was mit zum Erfolg von «Rossini» beiträgt.

Regie Helmut Dietl
Buch Patrick Süskind, Helmut Dietl
Kamera Gernot Roll
Musik Dario Farina
Produktion D 1996
Dauer 110 Min.
Genre Komödie

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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