Filmarchiv

Kanzo Sensei

Doktor Leber rennt und rennt und rennt

Mit «Kanzo Sensei» hält Shohei Imamura, Gewinner der Palme d?Or 1997, in skurrilen Szenen ironisch-kritische Rückschau auf Japan im Zweiten Weltkrieg. Jazz und bunte Bilder gehen dabei eine kreative Einheit ein.

Von Christoph Rácz

Er rennt und rennt und rennt. Schon sein Vater hat ihn die Maxime gelehrt: «Ein Hausarzt, der braucht Beine». Und weil in der kleinen japanischen Stadt am Meer im Jahre 1945 für Zivilisten kein Benzin verfügbar ist, so nimmt Doktor Akagi, wenn er zu einem Notfall gerufen wird, eben die Beine in die Hand und rennt los.

Gerufen wird er oft. Vor allem die ärmeren Menschen leiden unter der herrschenden Lebensmittelknappheit und der Rationierung. Dr. Akagi widmet sich seinem Beruf mit grosser Hingabe. Oft sind seine Patientinnen und Patienten leberkrank und einige sterben auch daran. Die Ursache der Hepatitis kennt Dr. Akagi nicht, aber er forscht daran und verschreibt unterdessen den Kranken Extra-Rationen Glukose, um die Mangelernährung zu korrigieren. Sein Engagement trägt ihm bald seinen Spitznamen ein: Dr. Leber ? oder auf japanisch «Kanzo Sensei».

Kein Halbgott in Weiss

«Kanzo Sensei» ? der neue Spielfilm von Shohei Imamura trägt den Spitznamen im Titel, ebenso die Erzählung des berühmten Nachkriegs-Schriftstellers Ango Sakaguchi, auf der Imamuras Film basiert. Der japanische Regie-Altmeister ? er gewann 1997 mit «Unagi» (Der Aal) in Cannes seine zweite Goldene Palme ? gibt mit dieser Titelwahl bereits einen Hinweis auf seine Sympathie für diese Figur und ironisch-kritischer Distanz gegenüber dessen Gegnern. Imamura hat zudem in «Kanzo Sensei» auch Erinnerungen an seinen Vater einfliessen lassen und ihn zu einem sehr persönlichen Film gemacht.

In «Kanzo Sensei» wird nicht die heldische Lebensphase eines Halbgottes in Weiss zelebriert. Dr. Akagi ist ein bescheidener Arzt, der seine Forschungen mit einfachen Mitteln betreibt. Seine Freunde, skurrile Nebenfiguren des Films, sind im wörtlichen Sinn Randfiguren der Gesellschaft: ein heruntergekommener Bonze (das ist in Japan die Bezeichnung für einen Priester des Shintoismus), ein morphiumsüchtiger Chirurg und die etwas naive aber gradlinige Gelegenheitsprostituierte Sonoko, die sich in den spröden Arzt verliebt.

Mit ironischem Augenzwinkern hat Imamura die einfachen Verhältnisse und überkommenen Wertvorstellungen des Kleinstadtlebens als bunten Bilderreigen inszeniert. Schärfer stellt er das Verhalten des Militärs dar, mit dem Dr. Akagi seiner Rezept-Verschreibungen wegen regelmässig aneinander gerät. Imamura greift in ungeschminkten Szenen die inneren Strukturen der Armee an und gibt dem Bild des hässlichen Soldaten, der in der Uniform brutalen Neigungen freien Lauf lässt, deutliche Konturen.

Jazz zum Geniessen

Der studierte Historiker Imamura greift auch die in Japan gern unter den Teppich gewischte Tatsache auf, dass das Militär während des Zweiten Weltkriegs grausame Versuche an Kriegsgefangenen verübt hat, um Erkenntnisse für die biologische Kriegführung zu gewinnen. So ist es auch symbolisch zu verstehen, dass Dr. Akagi einen entflohenen holländischen Kriegsgefangenen versteckt, der gefoltert worden ist und der sich zufälligerweise als grosse Hilfe in Akagis Kampf gegen die Hepatitis entpuppt ? bis das Militär auf das Haus des Arztes aufmerksam wird.

Dass der Holländer von dem Franzosen Jacques Gamblin mit hörbarem Akzent gespielt wird, ist wohl der einzige schauspielerische Schönheitsfehler des Films. Durchwegs überzeugend agieren Akira Emoto (er spielte bereits in «Unagi») als Dr. Leber, Kumiko Aso als Sonoko und Jyuro Kara als Bonze Umemoto. Was «Kanzo Sensei» aber vollends sehenswert macht, ist Imamuras Wahl des Jazzpianisten Yosuke Yamashita als Filmmusik-Komponist. Der in allen Stilen versierte Yamashita hat einen zwischen schrulligem Saxophon und sanften Geigen wechselnden Soundtrack mit Sixties-Appeal geschrieben, der Imamuras ironische Haltung verstärkt und bereichert.

Regie Shohei Imamura
Buch Shohei Imamura, Daisuke Tengan
Kamera Shigeru Komatsubara
Musik Yosuke Yamashita
Produktion Jap/F 1998
Dauer 128 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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