Filmarchiv

Analyze This

Ödipus und die Patenkinder

Die Mafia in der Analyse: Vergnügliche Komödie «Analyze This» von Harold Ramis

Von Brigitte Häring

Was geschieht, wenn New Yorks mächtigster Mafiaboss plötzlich von Panikattacken heimgesucht wird? Er geht zum Psychiater. Oder besser: Er entführt den Psychiater. Denn dass die Therapie eines Mafioso nicht ganz normal verlaufen kann, versteht sich von selbst. Mit Robert De Niro und Billy Crystal.

Das bevorstehende Millennium und das zurückliegende Jubiläum des Mediums Kino scheinen dazu zu verführen, sich über Strukturen, Genres und Geschichte(n), aber auch über Darsteller und Dargestellte einige Gedanken zu machen. Dies geschieht nicht nur in theoretischen Texten über das Kino, dies geschieht immer wieder im Medium selber. Denn nicht zuletzt ist es das, was eine Kunst vorantreibt: die Reflexion über sich. Hollywood hat gelernt, ironisch zu sein, in Komödien über ernste Filmgenres nachzudenken und vor allem auch zu lachen.

So wird in «Analyze This» das Genre der Mafiafilme unter die Lupe genommen, oder besser auf das Sofa gelegt. Robert De Niro, bekannt als hervorragender Gangsterdarsteller, darf sich ausnahmsweise einmal herzhaft ausweinen. Denn Paul Vitti (dessen Name wohl als Reminiszenz an den «Paten» Vito Corleone verstanden werden darf) hat Probleme: von plötzlichen Panikattacken befallen, verliert New Yorks mächtigster Mafiaboss immer mehr an Autorität. Sein Gegner Primo Sindone (Chazz Palminteri, auch er ausgewiesener Mafiadarsteller) wartet nur darauf, die Spitze des New Yorker Syndikats zu übernehmen.

Geplagter Seelendoktor

Hilfe erfolgt in der Form eines kleineren Autounfalls, in den der Psychiater Ben Sobol (Billy Crystal) und der trottelige Jelly (Joe Viterelli), Vittis rechte Hand, verwickelt sind. So nimmt denn eine für den Psychiater nicht ganz alltägliche Krankengeschichte seinen Lauf. Der exzentrische Vitti soll von ihm therapiert werden. Leider hat der Pate keinerlei Ahnung von Psychoanalyse und meint, nach einem Gespräch mit dem Seelendoktor nach Hause gehen zu können.

Sobol, der mit der ganzen Geschichte eigentlich lieber nichts zu tun haben will, der gerne die Fernsehmoderatorin Laura (Lisa Kudrow) heiraten möchte und sich um einen pubertären Sohn zu kümmern hat, wird von der Mafia mehrere Male entführt und zum akut «erkrankten» Vitti gebracht. Dass dabei auch die Hochzeitspläne des Psychiaters durcheinandergeraten, versteht sich von selbst. Sobol wird, ehe er sich versieht, in die Geschicke der Mafia verstrickt, bringt nicht nur seine eigenen Pläne, sondern auch die der Mafia und die des FBI durcheinander.

Freud im Schnellverfahren

Was hier zusammengefasst wie eine Klamaukversion eines Mafiafilmes erscheint, zeigt sich als erstaunlich durchdachtes Werk, das mit vielen Bällen zu jonglieren versteht. Während Billy Cristal als verzweifelter Psychiater einem ungeduldigen und nicht ungefährlichen Patienten unter Zeitdruck Freuds Psychoanalyse näherbringen muss, erschliessen sich dem Publikum einige spannende Parallelen zwischen den klassischen (patriarchalen) Familienstrukturen und der Mafia, deren New Yorker Zweig «Familie» genannt wird und deren Hierarchien aus Paten und Patenkindern bestehen. So löst denn auch der Tod eines Paten von Vitti dessen Angstneurose aus, weil der Vater (ebenfalls Mafiapate) auf die gleiche Weise umgekommen ist.

Ebenso klug wie mit der Psychoanalyse geht der Film mit der Mafia um: die Gangsterorganisation wird durchaus nicht ins Lächerliche gezogen, sondern so dargestellt, wie wir es aus den Meisterwerken Scorseses, Coppolas und De Palmas kennen. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst De Niros, der durchaus bereit war, seine Figur als Mafiapate zu ironisieren und zu karikieren, nicht aber das Genre zu verunstalten.

«Analyze This» ist somit nicht eine Abrechnung mit dem patriarchalen Genre der Mafiafilme, es ist vielmehr der Versuch, in ironischer Manier einer grossen Epoche der Filmgeschichte zu huldigen und zu zeigen, was passiert, wenn Woody Allen und Don Corleone aufeinandertreffen.

Regie Harold Ramis
Buch Kenneth Lonergan, Peter Tolan, Harold Ramis
Kamera Stuart Dryburgh
Musik Howard Shore
Produktion USA 1999
Dauer 106 Min.
Genre Komödie/Krimi

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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