Filmarchiv

Amistad

Die Anklage, die zur Nabelschau geriet

Hehre Absichten und falscher Ton: Spielbergs Sklavendrama «Amistad»

Von Thomas Ley

Nach dem Völkermord an den Juden ist nun jener an den Schwarzen dran: Steven Spielberg versucht mit «Amistad» das Schicksal der afrikanischen Sklaven nachzuzeichnen ­ und liefert uns nur ein hollywoodsches Politgemälde der frühen amerikanischen Republik. Interessant aber allzu gemütlich.

Freundschaft ist ein schönes Wort. Auf spanisch klingt es noch schöner: Amistad. Einem Sklavenschiff diesen Namen zu geben, ist allerdings ein Zynismus sondergleichen, der in jenen Tagen zwar üblich war, den die Sklavenschipper aber für dieses eine Mal blutig büssen müssen. Schon in den ersten Szenen lässt uns Steven Spielberg in «Amistad» unseren rechtschaffenen Blutdurst stillen, wenn all den garstigen Spaniern nächtens die Kehlen durchgeschnitten werden. Dem Film, der seine neueste Abrechnung mit einem der zahllosen Genozide der Weltgeschichte sein soll, gibt das, trotz einiger drastischer Szenen, eine eigenartig wohlige Grundstimmung: Man ahnt schon, dass man das Kino nicht ohne Happy-End verlässt.

Zu grosse Ansprüche

Bei «Schindler's List» war dieses Happy-End berechtigt aufgrund des aufrichtigen Denkmals für einen aufrechten Menschen und der streckenweise gnadenlos präzisen Nachzeichnung des Holocaust-Systems. «Amistad» kann jedoch seinen riesigen Ansprüchen nicht gerecht werden. Nach dem Völkermord an den Juden wollte der erfolgreichste Erzähler der Traumfabrik seinem Publikum den Völkermord an den Afrikanern näherbringen. Ein hehres Vorhaben ­ doch auch für den grossen Spielberg eine Nummer zu gross. Bis ins letzte Jahrhundert wurden 13 Millionen Afrikaner verschleppt; fünfmal mehr, als bis dahin Auswanderer die Atlantikpassage unternahmen. Weise also, dass Spielberg für die Darstellung dieses im Grunde unvorstellbaren Schreckens eine vergleichsweise kleine Episode herausnimmt. Wie er dies tut, schiesst jedoch weit am Ziel vorbei. Anstatt Einblick ins düstere Gedächtnis von Amerikas Black Nation, erhalten wir bloss eine Lektion in amerikanischem Republikanismus.

Die «La Amistad» übernimmt 1839 vom Sklavenschiff «Tecora» 53 Afrikaner, eine Ladung Sklaven aus der berüchtigten Festung Lomboka an der Küste des Schwarzen Kontinents. Unterwegs brechen die Gefangenen aus und massakrieren die spanische Besatzung ­ ausser die beiden «Besitzer», die die Afrikaner wieder nach Hause bringen sollen. Doch jene navigieren das Schiff nach Nordamerika, wo die Schwarzen aufgegriffen und festgesetzt werden. Verschiedene Stellen erheben Anspruch auf den rebellischen Haufen: Die beiden Spanier und Spaniens Königin Isabella II., die britische Marine ­ und ein obskurer Anwalt namens Baldwin, der von den Gegnern der Sklaverei und dem Ex-Sklaven Joadson angestellt wird. Den Afrikanern droht die Todesstrafe.

Schwächen der Besetzung

Schon die Wahl der Hauptdarsteller macht die Geschichte zu einem Gerichtsdrama. John Grisham goes George Washington: Matthew McConaughey, eines der derzeit beliebten, allseitig verwendbaren Gesichter, verkörpert Baldwin. Ihm assistiert Hollywoods Synonym für würdevolles Ornat, Morgan Freeman, der auch bloss zur Dekoration herhalten musste. Die Schwächen der Besetzung etwas wett macht Nixon- und Picasso-Veteran Anthony Hopkins als eindrucksvoller Ex-Präsident John Quincy Adams­ wenn auch stets und völlig unnötigerweise untermalt von quasi-patriotischer Musiksauce, ob er nun eine flammende Rede vor dem Obersten Gericht hält oder seine Pflanzensammlung dem Häuptling der Eingeborenen, Cinque (Djimon Hounsou), erklärt.

Die Schwarzen bekommen schliesslich ihr Recht. Womit dann auch klar ist, wer hier sein Denkmal erhält: die aufrechten Sklavengegner, Präsident Adams und das amerikanische Rechtssystem. Ausnahme sind die schändlichen Sklavereien und nicht etwa das wunderbare Glück der Amistad-Flüchtlinge. Ein prächtiger Film mit völlig überzogenen Vorzeichen. Der historischen Wahrheit zuliebe sei deshalb noch angefügt: Dass wir am Ende genüsslich zusehen dürfen, wie die britische Navy die Festung Lomboka zusammenschiesst, liegt daran, dass die Briten ihr wirtschaftliches Interesse an der Sklaverei verloren hatten. Anders als Häuptling Cinque übrigens: Nach seiner Rückkehr versuchte der sich nämlich wie viele seiner Landsleute als Händler ­ als Sklavenhändler.

Regie Steven Spielberg
Buch David H. Franzoni
Kamera Janusz Kaminski
Musik John Williams
Produktion USA 1997
Dauer 152 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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