Filmarchiv

American History X

Den Menschen im Monster zeigen

Von Rassenhass und den Zweifeln daran

Von Nina Stössinger

Mit «American History X» hat Tony Kaye ein dichtes, beunruhigendes Drama um zwei Neonazi-Brüder in L. A. geschaffen. Unvergesslich wird der Film durch den Hauptdarsteller Edward Norton, der für seine vielschichtige Interpretation eine Oscarnominierung erhielt.

Angst schreit aus den Augen des schwarzen Mannes. Er liegt auf der Strasse, über ihm steht ein muskulöser, halbnackter Skinhead, drohend wie ein nordischer Rachegott. Der Schwarze senkt seinen Kopf auf den Bordstein, der Weisse holt in Zeitlupe aus, und dann gräbt sich sein Militärstiefel tief in den Schädel des Schwarzen. Den Polizeiautos, die bald darauf sirenenheulend um die Ecke biegen, streckt der weisse Mann seine stolze Brust entgegen und das tätowierte Hakenkreuz, das darauf prangt; und sein triumphaler Blick sagt: «Ich habe getan, was ihr andern euch bloss nicht zu tun getraut.»

Derek Vinyard (Edward Norton) ist Neonazi-Anführer, und dass er für seinen brutalen Mord drei Jahre Gefängnis vor sich hat, scheint ihn wenig zu stören. Aber als er dann wieder freigelassen wird, ist sein Haar ebenso nachgewachsen wie sein Gewissen, und der einzige Knastfreund, von dem er sich verabschiedet, ist schwarz.

Angelernt nicht angeboren

Doch die Geschichte wiederholt sich wie ein Fluch; der 16jährige Danny Vinyard (Edward Furlong) nämlich ist entschlossen, in die Fussstapfen seines grossen Bruders zu treten, und steckt bereits tief in der Skinheadszene. Der beunruhigte (schwarze) Schuldirektor verlangt von Danny daher einen Aufsatz: eine Auseinandersetzung mit Dereks Werdegang. In der Folge wird die Geschichte des älteren Bruders subjektiv, durch die Augen des jüngeren nacherzählt; Regisseur und Kameramann Tony Kaye arbeitet mit schwarzweissem und farbigem Filmmaterial, um die verschiedenen Zeitebenen zu differenzieren. Für Danny ist Derek eine leuchtende Figur, und auch wir Zuschauer erleben ihn so: in triumphalen Posen, oft in Untersicht und Zeitlupe und untermalt von fast sakraler Musik. Ihm entgegen stellen sich bloss unbeholfene Typen ohne Argumente; ausserdem verlaufen alle sozialen Brüche streng nach Rassengrenzen. Mit dieser Darstellung versetzt der Regisseur das Publikum richtiggehend in Dannys Kopf hinein und bringt ihm (uns) das Skinhead-Milieu bedrängend nahe.

Das beweist einen mutigen Zugriff zur Thematik, der sich auch in der Darstellung Dereks manifestiert; der nämlich erscheint als charismatischer Mensch, dessen Bigotterie nicht angeboren, sondern erworben ist (und «was man gelernt hat, kann man auch wieder verlernen», sagt der Lehrer). Gebrochen wird die Identifikation des Zuschauers mit den beiden Brüdern erst allmählich, und zwar parallel zu deren Umdenken.

Keine einfachen Feindbilder

Brüche und auch moralische Platitüden sind in dem etwas hölzern konstruierten Film nicht zu leugnen. Trotzdem bleibt «American History X» durchwegs packend und interessant; da sind starke Bilder, beklemmende Momente, und da ist vor allem ein Hauptdarsteller, ohne den der Film wohl kaum so eindrücklich geworden wäre: Edward Norton («Primal Fear», «The People vs. Larry Flynt») verleiht der Hauptfigur Kontur und Ausstrahlung und viel mehr als nur die erwarteten Züge. Gegen diese aussergewöhnliche Darstellung verblassen die anderen Schauspieler (darunter Edward Furlong, Beverly D'Angelo, Avery Brooks, Stacy Keach) geradezu.

Auf das Spielfilmdebüt des britischen Werbefilmers Tony Kaye hat die Kinowelt lange gewartet, am gespanntesten wahrscheinlich er selbst. Von «American History X» jedoch war er dann so enttäuscht, dass er seinen Namen in den Credits zu «Humpty Dumpty» ändern lassen wollte ? erfolglos. Verständlich ist das nur begrenzt, denn Kayes erster Spielfilm ist zwar nicht perfekt, aber trotzdem wirklich sehenswert: ungewöhnlich, spannend und beklemmend.

Deutlich wird darin, dass die Frage, wie und warum ein Mensch zum «Monster» wird, nur dann zu (er)klären ist, wenn man sich nicht mit einfachen Feind- und Weltbildern begnügt. «Ich hatte einfach genug davon», sagt Drehbuchautor David McKenna, «Typen sehen zu müssen, die so dumm aussehen und klingen, wie man sie sich bequemerweise vorstellt.»

Regie Tony Kaye
Buch David McKenna
Kamera Tony Kaye
Musik Anne Dudley
Produktion USA 1998
Dauer 118 Min.
Genre Drama

© Karin Müller. Sämtliche Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt.
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